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Die Simpsons

Review zum Film

von Chris Pfeiler

Hier also nun von mir die lange erwartete (?) Kritik zum OFF-Film. Ich muß jedoch warnend vorausschicken, daß ich ihn nun nur einmal gesehen habe und auch das bereits vor 3 Tagen. In der Regel schaue ich mir Folgen vor Reviews natürlich mehrfach an und auch parallel zum Schreiben. Das geht nun nicht. Sollte ich also im Text wichtige Dinge übersehen oder falsch interpretiert haben, bitte korrigieren.

Um gleich eines vorauszuschicken: ich mag den Film durchaus und bin keinesfalls der Meinung, daß er grob mißlungen ist. Er ist nett und auch für den klassischen Fan zum mehrfachen Ansehen zu empfehlen - wobei man sich allerdings den kritischen Geist bewahren und nicht zu sehr auf die Fassade aus netten Einzelgags und bunter Animation vertrauen sollte. Denn "unter der Haube" ist der Film doch relativ deutlich ein Kind seiner Zeit und seines Staffelumfeldes.

Sehen wir uns also einige Aspekte an bzw. stellen wir einige Fragen.

Trotz all der positiven Einzelideen und eines Ergebnisses, daß sicher besser ist, als von vielen erwartet: ist das wirklich *der* Film, an dessen Story die einstmals besten Autoren der Branche nun jahrelang gearbeitet haben, bis sie einen Plot hatten, den sie für die große Leinwand als würdig empfanden? Kommt der Film nicht viele Jahre zu spät und zeigt er nicht in zuvielen Bereichen auch die Handschrift aktueller Staffeln, um in das moderne Schema der Serie zu passen?

Die Charakterisierung ist bemüht, gerade aber auch bei Homer IMO arg sprunghaft. So wechselt er ziemlich abrupt zwischen klassisch-nettem Homer, S1x-Jerkass, Volltrottel und Prügelknabe. Er gewinnt Sympathie in vielen Szenen, verspielt sie aber kurz darauf auch schnell wieder, meist zugunsten eines Gags. Geistreiche Homerismen waren auch selten.

Emotion ist zwar immer wieder da, aber es wird auch deutlich, daß die Macher Homer und Marge schon lange nicht mehr den Status des "realen Paares" in der Art von "Life on The Fast Lane" zugestehen. So dürfte es auch bezeichnend sein, daß selbst eine Liebesszene der beiden zu einem langen Parodiegag über Disney-esquen Kitsch umgestaltet wird, nur um keine Laufzeit für allzu menschlich-reales zu vergeuden.

Wie ich schon erwartet hatte, kommt Lisa im Film auffallend kurz und fällt zu oft in die einseitige Charakterisierung vieler neuer Folgen. Sie schwankt zwischen Moral-Blabla und kicherndem Kindchen, ohne daß von der klassischen Vielschichtigkeit dazwischen viel zu bemerken ist. Eine der interessantesten Szenen ist der emotionale Ausbruch, als sie mit den Worten "You monster..." in hilfloser Wut Homer angreift. Aber das ja nur für Sekunden, dann wieder zurück zum gelben Stichwortgeber und zum braven kleinen Colin-Plötchen.

Es wurde auch kritisiert, daß von vielen Nebencharakteren zu wenig zu sehen ist bzw. diese oft nur Einzelsätze haben. Zu dieser Kritik sage ich aber eher "Jein". Der Film ist über OFF und fokussiert daher auf die Familie bzw. auf den Zusammenhalt der dysfunktionalen Familie vor dem Hintergrund einer noch schrägeren Welt. Zuviele Szenen mit Neben- charakteren wären daher eher störend bei der doch begrenzten Laufzeit.

Das Problem bei der familiären Thematik ist dabei weniger der stärkere Fokus auf Homer, sondern mehr die Ansammlung bekannter Plotmuster dazu: Bart sucht sich eine neue Vaterfigur. Lisa findet die erste (?) Liebe. Homer und Marge entfremden sich voneinander und Marge weiß nicht mehr, ob sie Homer wirklich noch liebt. Am Ende finden sich alle wieder und erkennen dabei, daß ihr Zusammenhalt am wichtigsten ist. So weit, so klassisch, so altbekannt. Wenn ich zu jedem dieser Plotmuster sofort eine "kleine" TV-Folge nennen kann, die es besser gemacht hat, dann ist das zumindest kein überzeugend innovativer Aspekt des Films.

Ein weiteres Problem des Films: der handlungstragende "Schurke" namens Russ Cargill. Und allein schon der Name hat hier irgendwie den Beiklang all jener charakter- und motivationsarmen Einmalcharaktere der modernen Staffeln. Wer ist Russ Cargill? Was will Russ Cargill? Warum zum diddly hasst er Springfield und verfolgt die Simpsons? Trotz schöner (jedoch auch altbekannter) Sprecherarbeit von Al Brooks wird aus dem Charakter doch niemals mehr, als ein Aufhänger für Gagszenen.

Nur eine bescheidene Idee: warum wurde als Schurke nicht Sideshow Bob verwendet? Sideshow Bob, der sich in die Rolle des Präsidentenberaters geschlichen hat und der nun auf manipulative Weise Rache nehmen will an Springfield und an den Simpsons. Voila - da wäre ein lustiger Charakter mit ernsteren Seiten, mit Stil und vor allem mit Motivation. Was hätte uns Kelsey Grammer für filmwürdige Tiraden und für kulturpessimistische Monologe liefern können. Nun könnte man sagen, daß Bob den Machern wohl als Figur zu sehr mit der Serie verbunden war. Okay, aber dann wäre ein bißchen mehr Hintergrund für Russ Cargill zumindest hilfreich gewesen.

Die klassische Stärke der Serie war doch, daß die Ereignisse im kleinen Kosmos der Familie und in der kleinen Heimatstadt so dargestellt wurden, daß sie ein satirischer Spiegel der großen Ereignisse auf der Welt waren und somit stets eine Darstellung und Hinterfragung des Großen im Kleinen möglich wurde. Und das trotz satirischer Überzeichnung und Freiheiten in der Cartoonrealität. Das hat auch viel mit der "Suspension of Disbelief" zu tun, die IMO für animierte Satire ungemein wichtig ist.

Ich glaube, daß in der Welt der Serie eine Kleinstadt einen Antrag auf Ausweisung der Emmigranten stellen kann. Ich glaube, daß eine Protest- gruppe von Eltern eine gewalttätige Trickserie in ein arg langweiliges Gegenteil verkehren kann. Ich glaube, daß eine simpel gezeichnete und fremdartig aussehende Figur tieftraurig sein kann, weil ihr Aushilfs- lehrer die Stadt verläßt. Ich glaube meinetwegen sogar noch an einen großen Sonnenblocker, der als schräger McGuffin? einer Handlung dient.

Ich glaube in der Welt der Serie aber nicht an ca. 850 CGI-Hubschrauber, die eine Riesenglaskuppel aus irgendwelchen Gründen auf eine komplette Stadt stellen, welche von einem eindimensionalen Schurken im "Auftrag" eines fiktiven Präsidenten dann zerstört werden soll. Wo ist hier der Spiegel des Großen im Kleinen, wo das Ziel der satirischen Freiheiten?

Es gibt sicher immer wieder gute satirische Versatzstücke und einzelne Ideen, aber was will uns der Film denn als Gesamtkonzeption (und genau das war doch die Stärke klassischer Folgen) sagen? Ist es eine Satire zum Thema Überaktionismus im Umweltschutz? Zum Thema Manipulation der Regierung? Zum Thema Isolation anstatt Lösung von Problemen? Warum ist das Thema (Umweltschutz) überhaupt so harmlos und unverfänglich? Hätte es keine schärferen Themen für den großen Film gegeben oder wollte man auf der sicheren Schiene der aktuellen Staffeln bleiben?

Das ganze Problem zeigt sich vielleicht auch noch am Schluß, der dann nach der Aktschn einfach da ist, ein paar schöne Szenen bietet, etwas Emotionen, ein paar (gute) nachgesetzte Gags Marke Jean. Gibt es einen fragenden Ansatz zum Schluß oder sogar einen pessimistischen Unterton? Lisa geht mit Colin Eisessen, Homer hat seinen Sohn zurück, Marge und er radeln in Serienanlehnung aus dem Bild. Schön. Alle Probleme gelöst und niemandem zu sehr auf die Füße getreten.

Wie wäre es mit einem Schlußbild, in der eine mutierte Tierart aus der nun zerstörten Kuppel entkommt und sofort damit beginnt, die heimische Tierwelt zu dezimieren? Wie wäre es mit dem Schlußbild des Präsidenten, der die Krise als gelöst betrachtet und von einem neuen, manipulativen Mitarbeiter das nächste Gesetz zur Umweltzerstörung/Rechteeinschränkung? etc. vorgelegt bekommt und sofort unterschreibt? Wie wäre ein Schluß in der Reihenfolge "Gag - glaubwürdige Emotion im Kleinen - ernsteres Bild über die Lage im Großen" als Abschluß eines Simpsons-Films gewesen? Vor etwa 10 Jahren hätte ein solcher Schluß sicher eine Chance gehabt.

Was die technische Umsetzung betrifft: sehr schöne Sprecherarbeit aller Beteiligten, inklusive der eher dezenten Gaststars. Der visuelle Stil ist sicher für moderne Zuschauer beeindruckend und stützt den Plot. Es wäre wohl auch für meine Verhältnisse ein allzu schräges Argument, wenn ich nun sage, man hätte den Film im S2-Stil animieren und zum Ausgleich mehr auf andere Werte achten sollen. Trotzdem wird die Welt der Serie für mich allein durch ausgefeilte Mimik und Details nicht lebendiger, da gibt es noch andere Dinge. Und gewisse Einstellungen und Schwenks wirkten in der Tat übermäßig steril und unpassend im OFF-Kosmos.

Um zum Ende hin auch nochmal das Positive zu betonen: ich fühlte mich von dem Film gut unterhalten und er war trotz obiger Probleme oftmals sogar näher an den Wurzeln der Serie, als gewisse S1x-Folgen. Ein paar krude Gags, viele nette Gags, manche zu kurz, manche zu lang. Bei den Autoren ist noch immer viel Potential da, es sollte sich nur nicht zu sehr hinter Harmlosigkeiten und Cartoon-Konventionen verstecken. Der Serie stand mal ein Welt offen, die größer war, als die Popkultur und der Versuch, bewährte Schemen in ein Mainstream-Kinoformat zu bringen.

Mit die schönsten Gags waren die kleineren Sachen, die Dialoggags, die aus den Eigenheiten der Charaktere entstanden. Es gibt da eine richtig schöne Szene (nach Humer-Quälerei) als die eingesperrte Familie leise das Geräusch der Abrißkugel gehört hat. Bart sagt "It was probably just a moth" und Marge sagt in mitfühlendem Ton "I hope it´s okay." Und das ist IMO lustiger, als so manch CGI-gestützter Haudrauf-Gag. Auch viele andere Szenen verdienen natürlich Lob, es sei nur die NSA-Szene und die beste Russ-Cargill-Szene mit der Manipulation des Präsidenten erwähnt.

Leider schien den Machern kurz vor dem Film das übereifrige Marketing- streben etwas durchzugehen, denn viele Szenen waren so bereits bekannt oder in Trailern zu sehen - was das Überraschungspotential untergräbt, siehe z.B. den Schniedelgag mit Bart. Das war IMO ungeschickt. Auch die Ankündigung über all die falschen Spuren und unechten Szenen etc. waren am Ende nur Phoney Baloney, denn alle Trailerszenen kamen im Film vor. So war letztlich auch diese Werbestrategie bezeichnend konventionell.

Fazit: es gäbe sicher noch mehr zu sagen, aber kommen wir zu einem Ende dieses arg unstrukturierten Reviews. Ist der Film zu empfehlen? Ja. Er ist zu empfehlen, weil trotz seiner Defizite IMO manch schöne Idee und gute Leistungen aller Beteiligten dahinterstehen. Ist er aber als *der* OFF-Film zu empfehlen, auf den nun jahrelang gewartet wurde? Hier wäre ich mit Zustimmung etwas vorsichtiger, denn zu sehr fehlt dem Plot die wahre Innovation und Schärfe, den Charakteren die klassische Tiefe, die über den Gagträger hinausgeht. Zu sehr ist er ein Kind seiner Zeit und des Kinomediums geworden und zu sehr kommt er viele Jahre zu spät.

Chris


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