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Die Simpsons

Review von Tobias J. Becker

Jawohl! Bei der Folge kommen doch gleich wieder klassische Gefühle auf. Eine waschechte Parodie bzw. Adaption des Musicalklassikers "My Fair Lady", wie am Titel unschwer zu erkennen ist. Viele hatten im Voraus bereits auf eine Musicalfolge bei dem Titel gehofft und ihre Wünsche wurden erfüllt.

Nachdem Bart aus Versehen Willies Holzhütte zerstört hat, nehmen ihn die Simpsons bei sich auf. Aus Mitleid will Lisa ihn zu einem gesellschaftsfähigem Mann mit einem gepflegten Äußeren und Manieren machen und schließt mit Bart eine Wetter darüber ab, ihn bei der schulinternen "Jugend forscht" - Messe (ich weiß, es ist eine Science Fair, aber Wissenschaftsmesse o.ä. klingt für mich zum Davonlaufen) vorzeigen zu können. Nach viel frustrierender Arbeit schafft sie es schließlich tatsächlich und der als J.K. Willington auftretende, nun von den Frauen umschwärmte, von den Männern bewunderte Hausmeister wird nicht erkannt, bevor Lisa ihn als ihr Projekt enthüllt. Alsbald erhält er eine Stelle als Oberkellner in einem teuren Restaurant. Doch dann muss er feststellen, dass das Leben in der höheren Gesellschaft nicht nur Vorzüge hat und er so manches aus seinem alten Leben misst. So nimmt er schließlich wieder seine alte Stelle als Hausmeister an und zieht in seine neu errichtete Hütte ein. In der Nebenhandlung versucht Homer durch eine irre Werbeaktion zu erreichen, dass seine blauen Hosen wieder hergestellt werden.

Das vielleicht einzige größere Ärgernis in der Folge gibt es gleich zu Beginn: Nachdem die Sportlehrerin Mrs. Pommelhorst verkündet, die Schule zu verlassen und erst im Herbst wieder als neuer Werkunterrichtslehrer Mr. Pommelhorst wiederzukehren, wird der Ersatzsportlehrer Coach Krupt vorgestellt - dessen einziger Gag es ist, mit lautem "Dodgeball"- Schreien die Schüler fortwährend der Reihe nach mit einem Ball zu bewerfen. Am Witzigsten sind da irgendwie noch die unterschiedlichen Schreie der Kinder. Er ist schon ein bisschen ein Ärgernis, immerhin taucht er später noch einmal sinnvoll in der Folge auf. Ulkig ist, wenn er Willie von außerhalb des Bildes immer weiter bewirft, obwohl der sich von ihm immer weiter entfernt. Mehr weiter unten. Am ehesten wird mit seinem Arschloch-Charakter ("What is your major malfunction, Simpson?") wohl noch Andi aufgrund eines gewissen Fanskriptes etwas anfangen können. ;-) Ob er nun in den weiteren Folgen dabeibleibt und vor allem auch, ob man tatsächlich mal Mr. Pommelhorst zu Gesicht bekommen wird, bleibt abzuwarten.

$NEBENFIGUR bei den Simpsons einquartiert ist ja nun gerade kein neues Konzept, da es aber nicht für pseudowitzige Unfugsituationen genutzt wird, sondern wirklich nur, um die Entwicklung des Charakters voranzutreiben, stört es nicht weiter. Die Vorlage machte das hier auch notwendig.

Bei einer Parodie sind aber für mich eigentlich noch interessanter als die Gemeinsamkeiten die Unterschiede (und die Gemeinsamkeiten, die man nicht auf den ersten Blick erkennt). So ist fast klar, dass Willie am Ende wieder der alte werden muss. Diese Rückwendung steht die ganze Zeit, je näher das Ende der Folge rückt, um so mehr, bedrohlich im Raum. Daher ist viel interessanter als das Ob das Wie. Ich war mir auch nach dem ersten Schauen (bei dem ich hauptsächlich die Sprecher mitschrieb) auch nicht sicher, ob das zufriedenstellend erklärt wurde. Doch umso häufiger ich es mir angucke, umso besser gefällt es mir. Hier kommt nun Coach Krupts Rolle so richtig wirkungsvoll zum Tragen und auch der diesmal auffallend ausfallende Krusty tut sein Übriges: Während in "My Fair Lady" Professor Higgins nur verdeutlicht, dass die eigene Sprache maßgeblichen Einfluss auf die soziale Stellung hat - eine auch heute noch vertretene pädagogische These, vgl. Pierre Bourdieu: "Die feinen Unterschiede" und den Habitus-Begriff - und es dadurch leicht ist, jemandem etwas vorzumachen, weil er nur auf Äußeres achtet, geht die Folge hier noch einen Schritt weiter. Im Musical wird die Oberschicht zwar etwas lächerlich mechanisisiert dargestellt (beim Ascot-Derby), letztlich aber nicht hinterfragt. Hier wird sie bei genauerer Überlegung gnadenlos dekonstruiert: Auch die ach-so gehobene, kultivierte Schicht entpuppt sich hinter ihrer Staffage als unmanierlich und verdorben, primitiv. Krusty scheint außerhalb seiner Sendezeiten hauptsächlich mit seinem Genital zu denken (-> Sex), Coach Krupt erfreut sich sadistisch daran, wenn er jemanden quält (-> Gewalt). Beide zeichnen sich zudem durch Unhöflichkeit aus. Ob sie "absichtlich" so sind, weil sie es können, oder weil sie von Natur aus nicht anders sein können, ist unwichtig. Entscheidend ist nur: Willie fühlt sich in dieser Welt nicht zuhause. In seinem alten Leben hatte er zwar kein hohes Ansehen, aber es gab Dinge, die ihm etwas wert waren. Und wie Dreck behandelt werden kann man so oder so. Die ganze Kehrtwendung wird mit einem wundervollen Gesang Willies begleitet.

Trotz der Spielerei war das Musical auch noch nicht ernsthaft daran interessiert, die sozialen Gegebenheiten zu analysieren und hinterfragen. Warum Eliza Dolittle in der niederen Schicht lebt, ist absolut nicht von Interesse, es wird nur eben in Zusammenhang mit ihrer ebenso ungepflegten Sprache gebracht. Bei Willie erfahren wir immerhin, dass er als Kind von seinem Vater wohl ziemlich vernachlässigt wurde (während Eliza und ihr Vater fest zusammenhalten). Etwas vage ist der Hinweis, was ihm als Kind bei einem Erzbischof widerfahren sei. Auf die Frage, wie er ihn ansprechen würde, entgegnet er "I'll kill you, I'll kill you for what you've done to me". Während Higgins den Vorwurf macht, die Leute würden absichtlich ihre Muttersprache misshandeln (und wird dabei selbst von seinen Kollegen belächelt), wird hier die soziale Herkunft näher in den Blick genommen, aus der man allein *nicht* ausbrechen kann, selbst wenn man es wollte. Auch das geht wieder mit Bourdieu einher. Erst zum Schluss gibt es den ironic twist, dass sich Willie gerade bewusst für das "Niedere" entscheidet, weil es für ihn persönlich erhaben und stattlich ("sublime") ist.

Ein großer Unterschied ist auch die Bedeutung der Wette. Während es im Musical (entsprechend auch in der Star Trek: Voyager - Folge "Someone to Watch Over Me", dt. "Liebe inmitten der Sterne", die die Vorlage ebenfalls adaptiert) sehr entscheidend ist, dass Eliza entdeckt, nur eigentlich ein Wettgegenstand zweier Professoren gewesen ist und sich deshalb zunächst wieder von Higgins abwendet, ist dieser Aspekt hier nicht weiter von Bedeutung, er wird gar nicht mehr aufgegriffen. Überhaupt ist der Zeitablauf nach dem Abend der Ausstellung etwas unklar. Irgendwie ist da ein zeitlicher Sprung drin, als er plötzlich als Maitre d' (Coach Krupt: "Major D.") arbeitet.

Herausragend bei der Hin- und Zurück-Entwicklung ist aber wieder einmal Dan Castellanetas Sprech- und Gesangsleistung. Es ist erstaunlich, dass er Willie mit dem Akzent beim Singen durchhalten kann und der ungekrempelte Willie hebt sich deutlich davon ab. Beim Gesang auf der Ausstellung klingen ein paar Töne zwar leicht nach Homer, aber ingesamt kann ich mich nicht erinnern, Dan schon mal über längere Zeit mit dieser Stimmlage gehört zu haben.

Es gibt auch noch viele weitere tolle Sachen wie die Kamerafahrt mit dem fliegenden Ballon, bei der man kurz aus der Luft einen Überblick über ein Stadtviertel Springfields erhält. Oder Marge, die gewöhnlich vor sich hinsummt, als sie Willies Zahnspangenbastelei durch den Schredder dreht. Auf der anderen Seite aber auch für sich allein weniger schöne, wenn sich Willie mit dem Hammer in den Schlaf schlägt oder er Bart und Lisa an den Nasenlöchern wirbelt. Alles fügt sich aber treffend in die Folge ein: Auch die etwas ärgeren Szenen sind in dem Rahmen gut verträglich (über den Hammer musste ich sogar lachen) und ebenso fallen auch die guten Momente nicht übermäßig aus dem Rahmen, als dass man denken könnte, man wollte Effekthascherei betreiben. Das Ganze ist in sich schön geschlosen. Sogar Coach Krupt, wie oben dargelegt, ist dadurch akzeptabel. Nur Moes ewiger Misserfolg bei Frauen und dass er weiß, das er auf dem Gebiet ein Versager ist, nervt etwas. Dafür dürfen Homer und Marge intamit^w sich liebhaben. Nach vielen Ehestreitfolgen in letzter Zeit (besonders wieder "Milhouse of Sand and Fog") ist das sehr schön zu sehen, weil auch das als etwas ganz Normales (innerhalb der Nebenhandlung) in die Folge eingefügt ist.

Noch einige weitere witzige Einfälle:
- Als Willie den Ballon aus Wut zurückwirft und seinen Traktor trifft,
  folgt eine der witzigsten Zerstörungsanimationen, die ich seit langem
  gesehen habe, gerade weil sie so unerwartet-unpassend ist.
- Willies erster Gesang besteht zunächst aus einem einzigen Vers,
  nach dem er abprupt aufhört. In einen späteren Gesang mischt sich dann
  Homer ein, um seine Werbebotschaft loszuwerden.
- Der Werbefilm der Hosenfirma ("How long is this commercial anyway." -
  "I don't know, I've never made it to the end")
- Die Schläger und "In 80 Tagen um die Welt"
- Martins Überraschungsmessmachine, vor allem, als sie passend zu
  Willies Enthüllung ausschlägt
- Ralph fragt, ob er vielleicht Lisas Forschungsprojekt ist, die Person,
  die laut ihr jeder kenne
- Dewey mit Traktor auf Schuldach "How did I get up here?!"

Dass die Stelle als neuer Hausmeister der aufgedrückt bekommen hat, der auf der Leiter noch eine Stufe ("step on the totempole") weiter unten stand, nämlich Mr. Dewey Largo, ist zudem ein netter Seitenhieb auf das Ansehen der künstlerischen Fächer.

Ein weiterer echter klassischer Lacher, der wirklich völlig unvorhersehbar kommt, ist Lisas Saxophon, das(s) er aus dem Schrank zieht und erst selbst wieder daran erinnert werden muss, was er damit bezweckte, als Lisa am Mundstück festklebt. Auch wenn ich es mir mehrmals angucke, ich muss immer wieder lachen.

Sehr schön ist, dass Willie am Ende unter der großen Begeisterung der Schülerschaft als Hausmeister zurückkehrt. Auch wenn sich an seiner Lage verglichen mit dem Beginn nicht sonderlich geändert hat (Skinner: "Please express yourself by mobbing"), hat er doch den Respekt der Schüler. Somit ist seine Entwicklung oder Erforschung mit der Moes in "Moe Baby Blues" vergleichbar.

Noch kurz zur Nebenhandlung: Die klingt zwar im Abriss bereits metahaft, aber auch gleich witzig-lustig. Nachdem Homer seine blaue Hose durch- gescheuert hat (bei einem ganz gewöhnlichen Go-Kart-mit-durchgebrochem- Boden-Fahren), folgt aber nicht etwa eine wacky Hosenjagd quer durch Springfield; die wird auf Homer vor schwarzem Hintergrund mit vorbeiziehenden Werbeschildern reduziert. So absurd das auch ist, aber dass Homers Hosen, die wir 17 Jahre lang gewohnt waren, auf einmal nicht mehr hergestellt werden, ist eine nette Anspielung auf das Alter der Serie und dass sie vielleicht einfach über den Zenit ist, wenn kein Interesse mehr an den Hosen bestehe. Und der überlange Werbespot ("Big Blut Pants - When you no longer care, if you're attractive to women") hat da wohl sein Übriges getan. ;-) Homer denkt sich eine neue Werbeart namens "Headvertation" aus, bei der die Werbung auf seinem Hinterkopf placiert ist. Offenbar hat er damit Erfolg und weitet das noch auf weitere Stellen des Körpers aus. Was man davon auch halten mag, so unwahrscheinlich in der heutigen Zeit ist diese Werbeart wohl nicht... Marge ist jedenfalls nicht sonderlich begeistert. Die Storyline scheint keinen richten Abschluss zu haben, als sie verärgert das Bett verlässt, aber die Situation erinnert mehr an eine der vielen Kabbeleien zwischen Doug und Carrie aus der Sitcom "King of Queens" als an einen echten nervigen Ehestreit. Jetzt hat Homer seine Hosen wieder und ein Problem gelöst, dafür ist seine Ehefrau säuerlich. Beides ist nicht sonderlich ernst, daher auch mit einer Art offenem Ende. Dass es vielleicht Wichtigeres als seine gewohnten blauen Hosen und den schnöden Mammon gibt, darf sich der Zuschauer dabei selbst ergänzen und bekommt es nicht vorgekaut.

Alles in allem eine der besten neuen Simpsons-Folgen seit langem. Bezeichnend ist, dass im No-Homers-Forum - offensichtlich in Unkenntnis der eigentlichen Vorlage - einige der Folge vorwarfen, ein Plagiat einer Family Guy - Folge zu sein, die das Musical ebenfalls adaptierte. So unsubtil war da also die Parodie, dass sie gar nicht mehr als solche erkannt wird, wenn man die Vorlage nicht kennt. Gerade aber, dass man auch ohne Kenntnis merkt, dass da irgendwas mehr dahintersteckt ("laterales Apropos") und dadurch dann das Interesse anregt, war immer eine Besonderheit der Simpsons. In der deutschen Fassung dieser Folge sprach das Eliza-Pendant übrigens tatsächlich wie in der deutschen Bühnenfassung mit Berliner Dialekt. Schön dass man das entsprechend übernommen hat. Ich hoffe hier auf Vergleichbares. Jedenfalls kann es so gerne weitergehen und im Gegensatz zu einigen anderen sehe ich die positive Entwicklung in der zweiten S16-Hälfte durchaus auch schon in der ersten S17s fortgesetzt. Die Folgen sind (noch?) nicht ganz so wie die aus der klassichen Zeit, aber scheinen auf dem besten Wege zu sein. Die Simpsons leben!

Note 1+

Gruß, Tobias - bereits deutsche Gesangstexte geschrieben habend


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