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Die Simpsons
Unterschiede (von früherer major Version) (keine anderen Änderungen)

Geändert: 9c9
Begonnen sei mit den Simpsons aus dem Städtchen Springfield' dem Prototypen des US-Kaffs, wie sich überhaupt die ganze Serie auf Proto- und Stereotypen stützt: Vater Homer (der in der deut-chen Fassung unsinnigerweise "Huhmer" gerufen wird) als herzensguter Normalverbrauchsotto, femsehsüchtig, ignorant und reichlich schwer von Begriff; seine Frau Marge als teilzeitemanzipiertes Hausmütterchen; Sohn Bart als moderner Michel aus Lönneberga und Apfel, der nicht allzu weit vom Stamm gefallen ist; und seine kleine Schwester Lisa als die Frühreif-Hochbegabte, die mit acht Jahren schon mal aus der Declaration of Independence zitiert. Das Nesthäckchen Maggie ist noch zu klein für ein eigenes Klischee, aber daneben gibt's den pakistanischen Einzelhändler, die jüdischen Bildungsbürger, den faul-doofen Polizisten, den korrupten Bürgermeister, den christlichen Frömmler, den ordinären Trinker, das 4Ojährige Muttersöhnchen, den Schulhofschläger, den Streber, den vergessenen Schauspieler, der sich als Werbehansel durchschlägt, und natürlich den sinistren Großkapitalisten und Ausbeuter Mr. Burns, Homers Boß, von dessen klapprigem Atomkraftwerk die ganze Stadt lebt. Mit diesem Personal muß die Serie einfach als klassische Satire funktionieren: Typen wie der Bibelaugust Flanders oder der schwule Kriecher Smithers sind ganz konventionell bis zur Kenntlichkeit entstellt, genauso wie der erzbrutale von Homer, Bart und Lisa gleichermaßen geliebte Kindertrickfilm "Itchy & Scratchy" (eine herrliche "Tom & Jerry"-Parodie), die völlig idiotischen Fernsehnachrichten, die Monströsitäten der Unterhaltungsindustrie und der allgegenwärtige Werbequatsch; und es mag an der Form des Trickfilms liegen, daß diese Entstellung niemals aggressiv oder gar boshaft daherkommt. Über allem waltet eine Harmonie, die sich ganz offenbar aus der Überzeugung speist, daß Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ist nun mal, wie es ist, und Zuflucht vor dem alltäglichen Irrsinn bietet immerhin die Kleinfamilie des middle class America, in der man einander liebhat, sonntags in die Kirche geht und sich im Zweifel selbst genug ist: Keine Niederlage ist so groß und keine Demütigung so unverdaulich, daß sie sich nicht im Schoße der Familie in Wohlgefallen auflöste. Spätestens bei diesem ständigen Schlußtableau bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob das noch satirisch oder schon affirmativ ist: Wenn die täglichen Demütigungen mit dem frohen (und nicht selten frohbotschaftlichen) Blättern im eigenen Primärtugendenkatalog kompensiert werden: besser arm und ehrlich als reich und korrupt, dann kann man das durchaus für eine puritanische und dabei ziemlich schmierige Apologetik der Herrschaftsverhältnisse im Spätkapitalismus o.s.ä. halten; muß man natürlich nicht.
Begonnen sei mit den Simpsons aus dem Städtchen Springfield dem Prototypen des US-Kaffs, wie sich überhaupt die ganze Serie auf Proto- und Stereotypen stützt: Vater Homer (der in der deutschen Fassung unsinnigerweise "Huhmer" gerufen wird) als herzensguter Normalverbrauchsotto, fernsehsüchtig, ignorant und reichlich schwer von Begriff; seine Frau Marge als teilzeitemanzipiertes Hausmütterchen; Sohn Bart als moderner Michel aus Lönneberga und Apfel, der nicht allzu weit vom Stamm gefallen ist; und seine kleine Schwester Lisa als die Frühreif-Hochbegabte, die mit acht Jahren schon mal aus der Declaration of Independence zitiert. Das Nesthäkchen Maggie ist noch zu klein für ein eigenes Klischee, aber daneben gibt's den pakistanischen Einzelhändler, die jüdischen Bildungsbürger, den faul-doofen Polizisten, den korrupten Bürgermeister, den christlichen Frömmler, den ordinären Trinker, das 4Ojährige Muttersöhnchen, den Schulhofschläger, den Streber, den vergessenen Schauspieler, der sich als Werbehansel durchschlägt, und natürlich den sinistren Großkapitalisten und Ausbeuter Mr. Burns, Homers Boß, von dessen klapprigem Atomkraftwerk die ganze Stadt lebt. Mit diesem Personal muß die Serie einfach als klassische Satire funktionieren: Typen wie der Bibelaugust Flanders oder der schwule Kriecher Smithers sind ganz konventionell bis zur Kenntlichkeit entstellt, genauso wie der erzbrutale von Homer, Bart und Lisa gleichermaßen geliebte Kindertrickfilm "Itchy & Scratchy" (eine herrliche "Tom & Jerry"-Parodie), die völlig idiotischen Fernsehnachrichten, die Monströsitäten der Unterhaltungsindustrie und der allgegenwärtige Werbequatsch; und es mag an der Form des Trickfilms liegen, daß diese Entstellung niemals aggressiv oder gar boshaft daherkommt. Über allem waltet eine Harmonie, die sich ganz offenbar aus der Überzeugung speist, daß Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ist nun mal, wie es ist, und Zuflucht vor dem alltäglichen Irrsinn bietet immerhin die Kleinfamilie des middle class America, in der man einander liebhat, sonntags in die Kirche geht und sich im Zweifel selbst genug ist. Keine Niederlage ist so groß und keine Demütigung so unverdaulich, daß sie sich nicht im Schoße der Familie in Wohlgefallen auflöste. Spätestens bei diesem ständigen Schlußtableau bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob das noch satirisch oder schon affirmativ ist: Wenn die täglichen Demütigungen mit dem frohen (und nicht selten frohbotschaftlichen) Blättern im eigenen Primärtugendenkatalog kompensiert werden: besser arm und ehrlich als reich und korrupt, dann kann man das durchaus für eine puritanische und dabei ziemlich schmierige Apologetik der Herrschaftsverhältnisse im Spätkapitalismus o.s.ä. halten; muß man natürlich nicht.

Geändert: 13c13
Daß diese Serie, die mehr über das zeitgenössische Amerika (und die Amerikanismen hierzulande) lehrt als jede Kulturgeschichte, bei uns lange Zeit wie der hinterletzte Cartoon im Kinderpro-gramm (!) lief und von Pro7 immer noch zu einer Zeit ausgestrahlt wird, da eher der Sohn denn der Papi vor dem Fernseher sitzt, ist bedauerlich und hat zwei Gründe: Es ist nun mal Zeichentrick, und wer "God's Own Country" und seine Macken nicht wenigstens ein bißchen kennt, der dürfte das Satirische an den "Simpsons" nicht rundum verstehen; lustig wär's dann aber immer noch. In den USA laufen die Erstsendungen zur prime time, aber damit wäre man hierzulande sicher überfordert. Aber so am mittelspäten Abend? Wär' das nix? Na, ich glaub' ja auch nicht dran.
Daß diese Serie, die mehr über das zeitgenössische Amerika (und die Amerikanismen hierzulande) lehrt als jede Kulturgeschichte, bei uns lange Zeit wie der hinterletzte Cartoon im Kinderprogramm(!) lief und von Pro7 immer noch zu einer Zeit ausgestrahlt wird, da eher der Sohn denn der Papi vor dem Fernseher sitzt, ist bedauerlich und hat zwei Gründe: Es ist nun mal Zeichentrick, und wer "God's Own Country" und seine Macken nicht wenigstens ein bißchen kennt, der dürfte das Satirische an den "Simpsons" nicht rundum verstehen; lustig wär's dann aber immer noch. In den USA laufen die Erstsendungen zur prime time, aber damit wäre man hierzulande sicher überfordert. Aber so am mittelspäten Abend? Wär' das nix? Na, ich glaub' ja auch nicht dran.

Hans Mentz Humorkritik

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 Quelle: Titanic, Humorkritik
 URL: http://www.germany.net/info/titanic
 Datum Freitag, 31. Juli 1998

Leser Ole Bethkenhagen aus Bonn bittet mich, doch mal etwas zur amerikanischen Zeichentrickserie "Die Simpsons" zu sagen; die Bitte sei ihm gewährt, nicht nur, weil ich beinah alle Folgen kenne, sondern auch, weil mir das Gelegenheit gibt, mich einmal grundsätzlich zur amerikanischen TV-Komikproduktion zu äußern; denn so schlecht und schlimm und sonderdumm das US-Fernsehen im allgemeinen ist, so glänzend und weltmeisterlich ist es zuweilen in dem Format, das es erfunden hat: dem der Sitcom, auf deren Gesetzen auch die Zeichentrick-"Simpsons" fußen. Einsame Spitzenproduktionen und schon so klassisch wie bei uns höchstens "Ein Herz und eine Seele" sind die Sitcoms "Eine schrecklich nette Familie" und "Seinfeld", wobei die erstgenannte auch in Deutschland schon ewig und drei Tage läuft und längst unter "Kult" firmiert, die zweite indes noch ein Geheimtip ist.

Begonnen sei mit den Simpsons aus dem Städtchen Springfield dem Prototypen des US-Kaffs, wie sich überhaupt die ganze Serie auf Proto- und Stereotypen stützt: Vater Homer (der in der deutschen Fassung unsinnigerweise "Huhmer" gerufen wird) als herzensguter Normalverbrauchsotto, fernsehsüchtig, ignorant und reichlich schwer von Begriff; seine Frau Marge als teilzeitemanzipiertes Hausmütterchen; Sohn Bart als moderner Michel aus Lönneberga und Apfel, der nicht allzu weit vom Stamm gefallen ist; und seine kleine Schwester Lisa als die Frühreif-Hochbegabte, die mit acht Jahren schon mal aus der Declaration of Independence zitiert. Das Nesthäkchen Maggie ist noch zu klein für ein eigenes Klischee, aber daneben gibt's den pakistanischen Einzelhändler, die jüdischen Bildungsbürger, den faul-doofen Polizisten, den korrupten Bürgermeister, den christlichen Frömmler, den ordinären Trinker, das 4Ojährige Muttersöhnchen, den Schulhofschläger, den Streber, den vergessenen Schauspieler, der sich als Werbehansel durchschlägt, und natürlich den sinistren Großkapitalisten und Ausbeuter Mr. Burns, Homers Boß, von dessen klapprigem Atomkraftwerk die ganze Stadt lebt. Mit diesem Personal muß die Serie einfach als klassische Satire funktionieren: Typen wie der Bibelaugust Flanders oder der schwule Kriecher Smithers sind ganz konventionell bis zur Kenntlichkeit entstellt, genauso wie der erzbrutale von Homer, Bart und Lisa gleichermaßen geliebte Kindertrickfilm "Itchy & Scratchy" (eine herrliche "Tom & Jerry"-Parodie), die völlig idiotischen Fernsehnachrichten, die Monströsitäten der Unterhaltungsindustrie und der allgegenwärtige Werbequatsch; und es mag an der Form des Trickfilms liegen, daß diese Entstellung niemals aggressiv oder gar boshaft daherkommt. Über allem waltet eine Harmonie, die sich ganz offenbar aus der Überzeugung speist, daß Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ist nun mal, wie es ist, und Zuflucht vor dem alltäglichen Irrsinn bietet immerhin die Kleinfamilie des middle class America, in der man einander liebhat, sonntags in die Kirche geht und sich im Zweifel selbst genug ist. Keine Niederlage ist so groß und keine Demütigung so unverdaulich, daß sie sich nicht im Schoße der Familie in Wohlgefallen auflöste. Spätestens bei diesem ständigen Schlußtableau bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob das noch satirisch oder schon affirmativ ist: Wenn die täglichen Demütigungen mit dem frohen (und nicht selten frohbotschaftlichen) Blättern im eigenen Primärtugendenkatalog kompensiert werden: besser arm und ehrlich als reich und korrupt, dann kann man das durchaus für eine puritanische und dabei ziemlich schmierige Apologetik der Herrschaftsverhältnisse im Spätkapitalismus o.s.ä. halten; muß man natürlich nicht.

In jedem Fall ist das sehr komisch, vor allem wegen der permanenten, oft slapstickhaften Trotteleien des ewigen Verlierers Homer, der darüber hinaus eine der anrührendsten komischen Figuren ist, die ich kenne; sein resignativ-eruptives, zwischen den Backenzähnen zerknirschtes "Nein!", das jeden Reinfall begleitet und dem stumm ein dämonisches "Doch!" antwortet, ist in Reinkultur das, was man tragikomisch nennt. Freuen kann man sich auch über regelmäßige Filmzitate, sehr schöne running gags und das, nach etwas ungelenkem Anfang, hohe zeichnerische Niveau.

Daß diese Serie, die mehr über das zeitgenössische Amerika (und die Amerikanismen hierzulande) lehrt als jede Kulturgeschichte, bei uns lange Zeit wie der hinterletzte Cartoon im Kinderprogramm(!) lief und von Pro7 immer noch zu einer Zeit ausgestrahlt wird, da eher der Sohn denn der Papi vor dem Fernseher sitzt, ist bedauerlich und hat zwei Gründe: Es ist nun mal Zeichentrick, und wer "God's Own Country" und seine Macken nicht wenigstens ein bißchen kennt, der dürfte das Satirische an den "Simpsons" nicht rundum verstehen; lustig wär's dann aber immer noch. In den USA laufen die Erstsendungen zur prime time, aber damit wäre man hierzulande sicher überfordert. Aber so am mittelspäten Abend? Wär' das nix? Na, ich glaub' ja auch nicht dran.

Vielen Dank an [Christof Nixa] für den kompletten Artikel und den Scan.

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Letzte Änderung am January 9, 2004 22:43 (zeige Änderungen)
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