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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Fangen wir mit den positiven Aspekten an.

Kommen wir heute also zu der Folge, in die viele Fans der klassischen Jahre sehr hohe Erwartungen gesetzt hatten - welche dann auch relativ umfassend und zufriedenstellend erfüllt wurden. Wir haben eine schöne Story beinahe im Stil der frühen Jahre, die den Charakteren gegenüber echten Respekt zeigt und ihnen Vergangenheit und Tiefe gibt. Dazu muß ich eigentlich gar nicht viel ausführen, die Pluspunkte sind deutlich.

Keine punktlose wackiness, kein aufgesetzter Humor und generell ein Stil, der in S15 unerwartet und damit auch dezent deplatziert wirkt. Der Ansatz der Folge mag zwar etwas weit hergeholt sein, vermeidet aber relativ gelungen (mit einer Ausnahme) Kontinuitätsfehler. Man beachte auch den feineren Meta-Humor in diesem Umfeld - etwa Homer, der sich aufgrund der üblichen Zeitproblematik in der Serie nicht auf das exakte Jahrzehnt seiner Kindheit festlegen will.

Viele gelungene Gags und Oneliner, speziell auch im Dialogbereich. Manche davon werden in der Synchro aber nicht recht funktionieren, z.B. der filmvorführende Sea Captain "only PG, no Arrrr". Visuell ist die Folge ebenfalls einfallsreich, speziell bei den Fantasie- sequenzen nach dem Kuss (wobei für Homers Fantasie eine doch um- fassendere Kenntnis der US-Werbelandschaft hilfreich ist.)

Kommen wir zu den negativen Aspekten.

Die Folge hat IMO subjektiv gesehen ein Hauptproblem: sie erscheint vom Stil her im S15-Umfeld etwas deplatziert und wirkt fast wie ein Anachronismus. Man hat dezent den Eindruck, die Autoren hätten hier nach der Vorgabe gearbeitet: "Stellen wir doch mal die Langzeitfans zufrieden, die Emotion und Kontinuität wollen" und dafür bisweilen zu deutlich auf die frühen Jahre zurückgegriffen.

Was mir hier fehlt, ist eine Verbindung zwischen moderner Jean-Ära und klassischem Geist (wie wir sie z.B. bei "Moe Baby Blues" oder auch bei "Milhouse Doesn´t Live Here Anymore" hatten). Die heutige Folge wirkt in ihrem Stil zu isoliert - subjektiv gesehen etwas zu sehr wie der "Klassiker aus der Retorte" für Langzeitfans. Durch die Betonung von Kontinuität sind kleinere Ausrutscher wie Milhouse und sein "first kiss" zudem noch auffälliger.

Der Plot ist schön, aber weit hergeholt. Der Humor und die Emotionen sind ebenfalls schön, aber erneut ohne wirkliches Highlight. Gerade in den Szenen in der Gegenwart wirkt die Emotion etwas zu flach und abwesend - Marge murrt herum und das in der Rückblende aufgeworfene Problem wird in einer schönen Schlußszene auch schön schnell gelöst. Während sich Folgen wie "The Way We Was" zudem die Mühe machten, die Vergangenheit mit eigenen Figuren zu bevölkern, sehen wir hier wenig mehr als junge Versionen bekannter Springfielder.

Fazit: eine gut gelungene Folge, die die in sie gesetzten Erwartungen durchaus erfüllt - Inhalt, Emotion, Charakterhandlung. Trotzdem wirkt sie auf mich nicht in einer Weise wie etwa "The Way We Was". Ziemlich schwierig zu bewerten. Für eine echte A-Note ist gerade die dauerhafte Anschaumotivation IMO etwas zu gering. Note 2+

Chris

P.S. Ergänzend sei noch gesagt, daß die Folge in den USA die geringste Einschaltquote aller Zeiten bei einer OFF-Erstausstrahlung hatte.



Review von Andreas Roth

Rückblickfolgen gehören zu meinen favorisierten Episoden, und so war ich natürlich auch auf diese sehr gespannt. Vorweg gesagt: Meine Erwartungen wurden erfüllt, und in vielerlei Hinsicht kann diese Folge an die anderen Episoden, die sich um Homers und Marges Jugendzeit drehen, anknüpfen. Gelegentlich merkt man zwar, daß man es mit S1x zu tun hat, aber das sind wirklich nur winzige Szenen, die kaum der Rede wert sind.

Schon der Start ist sehr gelungen - wann hat man zuletzt die Kinder im Garten und im Baumhaus spielen sehen? Auch das "Familiengericht" weckt Erinnerungen an alte Zeiten, wenngleich Marge behauptet, daß sie etwas derartiges erst vor kurzem beim Lesen entdeckt habe. Ein weiterer kleiner Kontinuitätsfehler: Milhouse hatte natürlich schon lange vorher seinen ersten Kuß.

Es ist immer wieder schön, die Familie einträchtig versammelt zu sehen, während sie den Geschichten aus der Vergangenheit lauscht, vor allem, wenn sie so phantasievoll und atmosphärisch erzählt werden wie hier. Die Gefühle wirken überzeugend, und natürlich kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Sehr gelungen auch die Traumsequenz, wobei mich minimal gestört hat, daß sie jeweils etwas abrupt anfängt bzw. aufhört.

In der zweiten Hälfte der Folge wird die Handlung manchmal ein wenig hektisch, aber es ist verständlich, daß man so eine Geschichte nur schwerlich in kaum mehr als 20 Minuten packen kann. Vor allem Marges Verstimmtheit bis zu dem Punkt, wo die beiden Hälften des herzförmigen Steins wieder zusammenfinden, scheint mir ein wenig aufgesetzt. Aber wie schon gesagt, das sind nur minimale Kritikpunkte, die die Qualität der Folge kaum schmälern.

Sehr schön fand ich Marges braune Haare, die sie wirklich hinreißend aussehen ließen. Auch hätte ich gerne noch etwas mehr über die Cousine von Sherri & Terri erfahren. Ansonsten hielt man sich in Sachen neue Charaktere ja eher zurück und zeigte in den Rückblicken stattdessen jüngere Versionen zahlreicher Springfielder.

Die DV fällt in Sachen Sprecherleistung wie üblich etwas ab, diesmal hauptsächlich bei den jüngeren Ebenbildern der Springfielder. Auch hören wir zahlreiche unübersetzte Szenen, in denen die Charaktere lachen, jauchzen, jammern oder was auch immer. Eine wirklich gelungene Folge, die man sich gerne auch ein zweites Mal anschaut: 2+



Review von Andreas Krösing

Für eine derartig vielschichtig angelegte Serie gelungene Rückblenden zu schreiben ist sicher nicht leicht und war vor allem in den ersten Jahren noch elementar wichtig, um gewisse Charaktere in ihrer gesamten Tiefe besser verstehen zu können. Erlebten wir in der zweiten und dritten Jahresstaffel schon sehr früh zwei durchweg gelungene und sogar gewisserweise aneinander anknüpfende Folgen namens "Wie alles begann" und "Blick zurück auf's Eheglück", die in Rückblenden das Kennenlernen und Heiraten von Marge und Homer, sowie Homers Weg ins Berufsleben zeigten, so waren danach zunächst einmal die naheliegenden Themen ausgeschöpft. Obwohl im Verlauf der Serie später noch einige Rückblenden oder ganze Episoden, die sich hauptsächlich mit einer Rückblende beschäftigten, folgten, war es stets schwer an die alten Zeiten anzuknüpfen. Bereits in der Episode "Und Maggie macht drei" traten die ersten Diskrepanzen auf und die Qualität war im Vergleich zu den vorhergegangenen Rückblenden wesentlich geringer.

Diese Folge versucht in einer Rückblende aufzuklären, dass Homer und Marge sich bereits als Kinder kennenlernten, doch aufgrund ungünstiger Umstände aus den Augen verloren. Als Resultat eines etwas unglaubwürdigen Schicksalsschlag hatte Homer keine Gelegenheit dazu, zu seinem zweiten Date mit Marge zu erscheinen und ihre Namen hatten sie nie voneinander erfahren. Deswegen verblieb Marge mit gebrochenem Herzen und lebte mit dem Bild des bösen männlichen Geschlechts, das ihre Gefühle verletzte, lange Zeit weiter, bis sie schließlich einer neuen Liebe wieder eine Chance gab. Dass diese neue Liebe ironischer Weise erneut Homer war, kommt allerdings erst in ferner Zukunft heraus. Doch das gebrochene Herz kann für Marge nicht so einfach wieder heilen.

Wenn man hört, dass Marge und Homer sich anscheinend schon als Kinder kennenlernten, bekommt man als Fan der alten Klassiker zunächst einmal etwas Angst, da man befürchtet, dass alte Rückblenden ignoriert werden und das realistische Bild der Serie dabei wieder etwas mehr zerbröckelt. Überrascht ist man dann aber umso mehr von der Kreativität der Autoren, die sich in dieser Episode zeigt. Einen Schicksalsschlag, der sich dann im Grunde erst Jahre später, dadurch, dass Homer und Marge heiraten, unwissentlich auflöst und erst weitere Jahre später im Zufall aufklärt, ist eine sehr interessante Idee. Zudem wird das Potential, Figuren schon als Kinder zu zeigen, und Motive, welche als Erwachsene in ihren Charakterzügen auftreten, bereits hier aufzugreifen, recht gelungen umgesetzt. Moe, der nie Glück mit der Liebe hat und zu einem verbitterten Mann wird, klagt bereits als Teenager darüber - "Frauen stehen auf Narben, Verletzungen [...], nur nicht auf Pickel" - und wird bereits in Jungen Jahren erstmals das Opfer einer der zahlreichen Scherzanrufe, unter denen er im Laufe seines Lebens leiden würde. Patty und Selma sind schon allein Homers Stimme und dem Namen Homer so abgeneigt, wie sie es später der ganzen Person dahinter sein würden. Lenny und Carl klagen darüber, dass Homer eine Frau abkriegt und sie nicht, entdecken später dann allem Anschein nach, möglicherweise aufgrund dieser Tendenz, ihre homosexuelle Liebe zueinander und zukünftige Intellektuelle oder in irgendeiner Form mächtige Einwohner der Stadt galten als Kind als fette Außenseiter und wurden in sportlichen Lagern zum Abnehmen gedrillt.

Es fällt im Allgemeinen also auf, dass in der Episode eine gewisse Essenz steckt, die allerdings leider kein konkretes Ziel anstrebt. Eine Liebesgeschichte, die durchaus einem Jugendroman entnommen sein könnte, verbunden mit einer Rückblende ergibt zwar eine nette Folge, besitzt jedoch noch keinen sonderlichen Tiefgang. Obwohl die Geschichte teilweise, wenn man darüber nachdenkt, ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirkt, weiß sie dies gut zu verstecken und setzt die an sich unspektakuläre Geschichte äußerst ansehnlich in Szene; sei es die optische Wirkung der Folge mit den schönen Naturkulissen, dem See, der Nacht oder den anspruchsvollen Traumsequenzen, oder auch die verschiedenen Blickwinkel, für die man sich beim Erzählstil entschied.

Die Charaktere zu bewerten ist bei Rückblenden, die so weit in die Vergangenheit reichen stets etwas schwer. Dass die Folge nebenbei bemerkt selbst nochmals betont, dass es nicht mehr möglich ist, eine Jahreszahl zu nennen, empfinde ich als eine etwas frontal präsentierte Form des Metahumors. Dennoch liegt darin aber auch das Problem: Wie soll man Figuren, die man als Erwachsene kennt, als Kinder darstellen? Gewisse Einarten dürfen sie erst im Laufe ihres Lebens als Resultat ihrer Lebenserfahrung angenommen haben, andere zeigen sich vielleicht schon als Kind. Doch eine gelungene Umsetzung dafür zu wählen, die nicht zu flache, stereotype Bilder wiedergibt, ist ein anspruchsvolles Unterfangen, das dieser Episode wohl nur bedingt gelungen ist. Im Wesentlichen sind zwar durchaus alle Charaktere wieder zu erkennen, doch teilweise schlicht und einfach zu sehr als Erwachsene in Kinderschuhen umgesetzt. Anderswo, mitunter zum Vorteil des Plots bei Marge und Homer, wurden die Kinder als tiefere Charaktere betrachtet und konzipiert. Dort sind sie in ihrem Denken ihrem zukünftigen Pendant zwar ähnlich, allerdings nicht identisch. Sie besitzen genug Eigenständigkeit und jugendliche Naivität, um glaubhaft ihre Geschichte zu erleben. Am Rande ist auch eine sehr nette Anspielung auf Homers ärmliche Wurzeln versteckt, die sich im Dialog zwischen Homer und Abe zeigt.

Im Kontrast dazu steht bedauerlicherweise die Verhaltensweise der Figuren im Rahmen. Obwohl Bart und Lisa sich glaubhaft kindlich präsentieren und nach ihren klassischen, typischen Verhaltensmustern agieren - wie es nicht nur in Barts "Wenn sie sich vor uns streiten, kriegen wir vielleicht neue Fahrräder!", seinem eigennützigen Spiel mit Milhouse und Ralph oder Lisas Aufforderung dazu, jetzt besser zu gehen, zeigt - stimmt etwas nicht in der Darstellung der gesamten Geschichte rund um das Flaschendrehen im Baumhaus nicht. Vor allem Homer zeigt sich zu Beginn der Episode als zu böse agierende Figur. Auch ist die Idee mit dem Gerichtsprozeß weder sonderlich originell, noch lustig, geschweige denn fördernd für den Plot. Dazu kommt, dass Marge in der Rahmenhandlung allzu emotional auf ein derart in der Erinnerung verblaßtes Jugenderlebnis reagiert und der Wendepunkt gegen der Folge zu aufdringlich aufgezeigt und zu abrupt wieder beendet wird. Nichtsdestotrotz wird diese Schwäche dank des gelungenen Abschluß der Episode, welcher die gesamte Geschichte aus der Vergangenheit symbolisch in die Gegenwart bringt und durch das Verbinden der gebrochenen Herzstücke repräsentativ auch Marges gebrochenes Herz wieder zusammenfügt, ausgemerzt und die gesamte Geschichte dadurch emotional und ruhig auf gelungene Weise zu Ende geführt.

Der simple Unterhaltungswert der Episode ist an die Thematik angepaßt worden, auf allzu plumpe Späße wurde dankenswerter Weise verzichtet und ekelhafte Wunden gab es auch nicht. Allgemein ausgedrückt macht es irgendwie schon immer sehr viel Spaß, die erwachsenen Figuren in ihren kindlichen Jahren sehen zu können, wenn auch das Schema, dass die Freunde, die Homer als Erwachsener hat, schon als Kind an seiner Seite waren, mir nicht zusagt. Die Serie barg stets mehr Realität in sich und so konnte man zwischen den Zeilen entnehmen, dass sich Lenny und Carl vielleicht schon etwas länger kennen, Homer diese dann aber im Kraftwerk als Kollegen kennenlernte. Moe war anfangs auch als Barkeeper, der die drei eben als Stammkunden persönlich kennenlernte, konzipiert. Selbst, wenn nichts davon explizit gesagt wurde, wurde es allgemein so verstanden. Daraus resultiert dann allerdings, dass die angebliche Aufklärung des Sachverhalts, die ja schon in einer vorangegangen Rückblende erstmals aufgegriffen wurde, als Stilbruch aufgefaßt werden muß. Derartige Geschichten passen mehr in die üblichen Schemen eines Zeichentricks als in die Struktur, die den Simpsons zu Grunde liegt. Captain McAllister wurde hingegen recht amüsant in die Geschichte integriert, wenn auch sein plötzliches Auftreten im Haus der Familie deplaziert wirkt.

Der Gag mit Moe und seinem ersten vermeintlichen Scherzanruf ist ganz nett, doch die nachfolgende Erklärung lindert auch den Spaß daran wieder ein wenig. Das selbe gilt für den Witz, in dem Homer aufzählt, was er nach dem Fehler in der Vergangenheit sonst so angestellt hat: Einerseits ist es amüsant, was er aufzählt und die Erwähnung der zukünftigen Hochzeit Lisas ist oberflächlich betrachtet selbstverständlich ebenso erheiternd. Dennoch sind Referenzen wie diese so plump, dass sie den Tiefgang und die ursprüngliche Tiefe der Serie eben nicht mit dem nötigen Respekt behandeln. Letztlich ist Homers alter Brieffreund Osama ebenfalls noch ein Schmunzeln wert.

Unter dem Strich bleibt also eine schwer zu bewertende Folge stehen, die weder besondere Schwächen noch Stärken besitzt, allerdings eine gewisse Kreativität und Geschwindigkeit aufweist und zudem dank der interessanten Geschichte auch den Zuschauer fesseln kann. Natürlich kann auch "Die erste Liebe" nicht an die alten Jahre und Rückblenden anknüpfen, doch ähnlich wie "Und Maggie macht drei" findet sie einen gelungenen Weg, eine emotionale und neue Geschichte aus der Vergangenheit der Familie aufzudecken.

Note: 12 Punkte, ergo 2+



Review von Christian Hackl

Seit ich mitbekommen hatte, daß es mit "The Way Weren't" eine Rückblickfolge in Staffel 15 geben würde, freute ich mich darauf. Ein zweites "The Way We Was" durfte man sich nicht erwarten - auch kein sechstes oder siebentes -, zählten doch die Rückblickfolgen seit jeher zu den besonders wertvollen Glanzperlen in der Serie. Man konnte sich aber eine Folge erwarten, die alle anderen Jean-Folgen übertreffen würde. "Three Gays Of The Condo" zeigte ja schon vor nicht allzulanger Zeit das Potential, das noch immer in diesem Thema steckt.

Offenbar waren die Erwartungen etwas zu hoch gesteckt. Die Mindestanforderung lautete: gute Unterhaltung und einige nette Szenen. Viel mehr ist es leider nicht geworden, und das tut schon irgendwie weh.

Der Anfang ist gut. Die Szenen mit Bart, Milhouse und den Mädchen stimmen richtig aufs Thema ein. Freilich hätte man sich das Urin-Witzchen und das "Familiengericht" mit Lisa als Richterin und den Haustieren auf der Geschworenencouch ersparen können bzw. müssen. Zum Glück sind diese Spielereien bald vergessen. Im späteren Verlauf der Folge sitzen die Simpsons wie eine richtige Familie zusammen und lauschen den Erzählungen von Homer und Marge; da kommt beinahe klassische Stimmung auf. (Das plötzliche Auftauchen von Captain McAllister im Wohnzimmer erinnert dafür im negativen Sinn an ähnliche Schwachpunke in "Lisa's Sax".)

Eine Überraschung gibt es, als die Zeit erstmals zurückgedreht wird. Man hätte als Unwissender damit gerechnet, daß die Folge *nach* den Geschehnissen von "The Way We Was" spielen würde; statt dessen ist es umgekehrt. Homer und Marge sind allerdings als Zehnjährige erstaunlich gut charaktererisiert. Da gibt es überhaupt nichts dran auszusetzen. Lenny, Carl und Moe sind ebenfalls ungezwungen in die Geschichte eingebaut - ein geschickter Bezug auf "The Blunder Years".

(Um jedoch an dieser Stelle dem Ruf des Simpsons-Fans als detailbesessener Freak gerecht zu werden: Ein kleiner Wermutstropfen ist Marges Frisur, denn die paßt nicht zur Tatsache, daß sich Marge in "The Way We Was" offenbar erstmals die Haare hochsteckte.)

Soweit also keine echten Probleme. Die kommen dafür, als es so richtig zur Sache geht.

Zunächst einmal läßt die ganze Umgebung des Ferienlagers keine rechte Freude aufkommen. So viele Mini-Springfielder... man meint teilweise, man sähe sich eine Folge von "Tiny Simpsons" an. Besonders unpassend: Cookie Kwan als Kind. Völlig überflüssig. In "The Way We Was" stellte es noch kein Problem dar, nur eine Handvoll Charaktere in ihren jungen Jahren zu zeigen, und (das ist wichtig) auch nur da, wo sie in der Handlung Sinn ergaben. Diesmal hat auf Teufel komm raus fast die ganze Stadt einen Auftritt. Ausgerechnet Dr. Hibbert scheint zu fehlen.

Weiters ist die Kinderarbeit übertrieben unrealistisch dargestellt. Noch viel unrealistischer ist das Fettsack-Camp, in das Homer zufällig gerät. Ich wollte mehr über Homer und Marge erfahren, nicht dem kleinen Wiggum beim Grasessen zusehen.

Aber das alles ist noch belanglos im Vergleich zum wirklich riesigen Schwachpunkt der Folge: Marges Reaktion als erwachsene Frau auf das, was ihr als zehnjähriges Mädchen widerfuhr. Sie behauptet, sie hätte Homer nie geheiratet, wenn sie gewußt hätte, wer er war. Sie kann Homer erst gar nicht verzeihen, obwohl sie erfährt, daß er gar nichts für seine Abwesenheit konnte. Sie behauptet ferner, daß sie dreißig Jahre lang Schmerz in sich getragen hätte. Da hört sich ja wohl alles auf.

Die Marge, die ich kenne, ist ein reifer, gefestigter Charakter mit einem höchst ausgeglichenen seelischen Innenleben. Sowas Kindisches, Unglaubwürdiges würde sie niemals von sich geben. Ernsthaft: Sollen wir glauben, daß es sie nach dreißig Jahren noch so mitnimmt, als Zehnjährige nach dem ersten Kuß versetzt worden zu sein? So sehr, daß sie auf ihren Ehemann böse ist, mit dem sie in all den Jahrzehnten schon durch Himmel und Hölle ging und mit dem sie drei Kinder hat?

Da wir schon beim Thema "Sollen wir wirklich glauben..." sind: Sollen wir glauben, daß Marge und Homer nach dreißig Jahren zum allerersten Mal diese Geschichten austauschten? Und daß sie sich an jenem besonderen Tag im Nachsitzzimmer der Highschool nicht erkannten? (Letzteres noch am ehesten.)

Das klingt natürlich alles sehr negativ. Dabei erfüllt die Folge die eingangs erwähnte Mindestanforderung nicht umsonst. Die Kußszene ist nicht nur der Höhepunkt der Folge, sondern einer der Höhepunkt der ganzen Staffel. Animatorisch herausragend, musikalisch perfekt untermalt, kreativ und ideenreich. So gut, daß man wieder einmal von Simptasia zu träumen beginnt. Davon kann man nie genug kriegen.

Die Nebelszenen mit Captain McAllister sind ebenfalls hübsch inszeniert. Auch ein paar gute witzige Stellen stehen auf der Habenseite; vor allem die Szene, in der Homer Marge den Stein schenkt, ohne zu erkennen, daß er die Form eines Herzens hat: goldig. Genauso witzig ist die Anspielung auf die berühmte Szene in "Bart The Daredevil", ob sie nun überhaupt als solche gedacht war oder nicht.

Das heißt nicht, daß die Humorseite der Folge nicht auch ihre Tücken hätte. Ein Sprungmesser-Gag, ein Gabel-in-die-Hand-Gag (beide zumindest unblutig)... und ein bereitwillig verdorbener Metagag mit Moe. Just als ich mir zufrieden grinsend dachte: "Nette Anspielung... schon fast ein kleiner Insidergag... das haben sie gut gemacht", sieht sich Moe bemüßigt, den Witz gnadenlos zu erklären - woraufhin sowohl die Pointe, als auch mein Grinsen verschwunden waren. Ein perfektes Beispiel für einen Problembereich, in dem Al Jean endlich den Hebel ansetzen sollte.

Ähnliches kann man überrr die arrrg vielen "Arrrs" von Captain McAllisterrr sagen - na bitte, war das jetzt etwa komisch? Die Anspielung auf "Lisa's Wedding" kommt auch viel zu plump daher.

Und dennoch, trotz all dieser Schwachpunkte und trotz des traurigen Anblicks, den Homer bietet, wenn er den Kopf aus einer Mülltonne steckt, ist das Ende toll. Ja, ein *tolles* Ende. Wann hat es das zuletzt gegeben? Fast alle besseren Folgen der letzten Jahre wurden durch irgendein ärgerliches Witzchen am Schluß beendet - doch diesmal nicht! Man gleitet sanft aus der Geschichte, erlebt ein versöhnliches Ende und darf hoffen, daß der Jean-Dauerbrenner "Ehekrise" nun endlich ein Ende gefunden hat; denn viel besser wird man das Thema nicht mehr abschließen können.

Viel Licht, viel Schatten. "The Way We Weren't" fehlen die schlichte, ehrliche Romantik von "The Way We Was", der durchdachte Plot von "I Married Marge" und die Niedlichkeit von "Lisa's First Word" und "Lisa's Sax" - Und mit einer der emotionalsten, schönsten Simpsons-Szenen aller Zeiten wie das Ende von "And Maggies Makes Three" kann die Folge auch nicht gerade aufwarten.

Aber sie bemüht sich redlich, hat teilweise auch Erfolg damit, und erlangt für mich somit den Status eines neuzeitlichen Vertreters des hehren Rückblickgenres, der nicht in einer Reihe mit seinen Vorgängern genannt werden sollte, immerhin jedoch bis dato zu besten Kreationen der jüngsten Ära Jean zählt.

Note: 2



Review von Tobias J. Becker

Wenn in neuerer Zeit sich auf Früheres zurückbezogen wurde, war das Ergebnis oft ärgerlich und frustrierend. Man hatte das Gefühl, als hätten die Autoren nur widerwillig für die alten Fans Altes aufgegriffen, aber da sie kein richtiges Verständnis für die Sache hatten, es verpfuscht, was dann nur um so mehr ärgerlicher war. Wenn man jetzt noch hört, dass eine neue Folge gar die erste Begegnung Homers und Marge', wie wir sie aus "The Way We Was" kennen und lieben, entkräftet, indem sie mit einer neuen ersten Begegnung aufwartet, wird es ganz kritisch. Um so überraschender ist es, dass das Ergebnis diesmal wirklich gelungen ist.

Unschön ist zunächst einmal der pee joke zu Beginn, sowie die Aussage, die man da Milhouse etwas unbedacht nur für einen schlechten Gag in den Mund gelegt hat, er habe mit Homer gerade seinen ersten Kuss gehabt. Der Rahmen für beides ist allerdings schön. Wie in alten Zeiten wird ganz unschuldig im Baumhaus gespielt. Dass da im Baumhaus Mädchen dabeisein dürfen, die ja in dem Alter für die Jungs eigentlich alle doof und nervig sind (and vice versa), ist eine etwas ungewöhnlichere Situation, aber auch Bart und die anderen werden älter. Oder zumindest, wie man aufgrund der Zeitstatik bei der Serie sagen muss: stehen davor älter zu werden. Dies ist nur Vorgriff auf die Geschichte, die Homer und Marge im Folgenden erzählen werden - im Rahmen eines Simpson-Familiengerichtes, der über Barts Streich urteilen soll, was ich für einen raffinierten Einfall halte. Der Hinweis auf eine Erziehungsmethode aus einem inzwischen bereits wieder in Verruf geratenem Buch ist gelungen, ebenso wie die Erzählweise des Kindheitserlebnisses.

Um die Kontinuität nicht zu zerstören, wirkt es etwas konstruiert, dass Homer und Marge bei ihrer nun tatsächlich ersten Begegnung "entstellt" sind, ist aber notwendig, um die Kontinuität zu wahren. Ähnliche Kniffe gab es in neuerer Zeit auch häufiger bei der Serie ENTERPRISE. Sie spielt vor der der klassischen Star-Trek-Serie aus den 60ern, will aber auch einige außerirdische Rassen auftreten lassen, die die Menschheit nur laut bisherigen Produktionen erst viel später kennen gelernt hat. Darum darf man in den Folgen einander oder zumindest der Mensch das Alien nicht sehen... Neu ist die Idee einer gemeinsamen ersten Romanze, viele Jahre bevor man sich dann "offiziell" begegnete, übrigens nicht: In einem Zweiteiler der Serie "Wer ist hier der Boss?" spielte sich genau dies auch mit den beiden Hauptprotagonisten ab. Auch sie hatten, während sie jeweils im Sommerlager waren, eine erste Erfahrung mit dem anderen Geschlecht. Anders als bei der OFF-Folge wird hier aber lange im Unklaren gelassen, ob das unbekannte Wesen aus der Vergangenheit wirklich der jeweils andere war, oder ob sie nur zufällig Ähnliches erlebt haben. Denn aus einem Jugendroman, wie in einem anderen Review schon angesprochen, könnte die Idee allemal stammen. Nur ist diese Idee erfreulicherweise auch gut umgesetzt.

Zustandegekommen ist diese erste Begegnung bei einem Sommerlageraufenthalt, der zwischen Jungs und Mädels natürlich streng getrennt stattfand. Nicht immer geht es dabei so spaßig vor, wie vielleicht gehofft, aber das Ganze ist einfach ein großes Abenteuer.

Hier sei eingeschoben, dass mir eine Entwicklung der neueren Staffeln immer noch nicht gefällt: Wie seit S13 gezeigt wird, kannte Homer Lenny und Carl bereits in Jugendjahren oder Marge auch diverse andere Springfielder Weibsen. Oder überhaupt waren alle heutigen Springfielder auch schon da und begegneten sich. Man dachte immer, Homer habe die beiden erst als Arbeitskollegen kennen gelernt, Andi hat dazu viel Wahres geschrieben. Denn es ist einfach nicht so, dass man von Jugendjahren an dieselben Leute kennt und sein Leben lang nicht mehr aus den Augen verliert. Das ist betrüblich, aber Realität; das ist das Leben.

Wie auch immer, die Jungen haben tolle Erlebnisse, die in einer schönen Collage festgehalten sind und mit "Summertime" von einem Titel untermalt wird, wie er passender kaum sein könnte.

So ganz separat geht es dann aber doch nicht zu. Denn das ist ja gerade der besondere Reiz: Es steht die Möglichkeit in Aussicht, mit einem Angehörigen des anderen Geschlechts eine längere Zeit zu verbringen, die sich vom sonstigen Alltagsleben zuhause unterscheidet. Es besteht nämlich die Theorie, das Mädels resp. Jungens doch nicht immer so doof und nervig sind, wie bislang angenommen, sondern irgendwie auch interessant. Das Ganze geht dann halb-unschuldig vonstatten: Man tuschelt und kichert, so richtig was denkt man sich dabei aber noch nicht. Auf die Spitze getrieben wird es mit Lennys Rat an Homer, er solle was zur "protection" mitnehmen, womit er wirkliche Verteidigung meint gegen wilde Tiere oder andere Lebewesen, die einem des Nachts auf unbekanntem Terrain über den Weg laufen können. Er denkt sich bei einem Treffen mit einem Mädchen noch nichts weiter. Aber Lenny war ja schon immer etwas gutherzig naiv, darum mögen wir ihn ja auch. :-)

Nachdem diverse Obstakel überwunden sind, kommt es am Abend zum Treffen zwischen Homer und Marge. Gelungen ist hierbei, wie die beiden ihre scheuen Aktionen einander missverstehen. Und äußerst innovativ ist auch Homers genialer "move", wie er ganz unauffällig die junge Marge umarmen kann. ;-) Nach ein bisschen Überwindung kommt es dann zum ersten Kuss und zum Höhepunkt der Folge. Die mit "So Happy Together" unterlegte folgende Sequenz ist ein Glanzstück visuellen Einfallsreichtums. Es wird wunderbar dargestellt, wie diese neue Erfahrung mit bisherigen verglichen wird, die aber völlig surreal übersteigert wirken. So ist für Homer der Kuss wie eine Abundanz der schönsten Süßigkeiten, auf die er so steht. Aber dieses Bild wird verzerrt, da es eben was ganz Neues ist.

Sie verabreden sich für ein zweites Date, aber wie so oft können die Hindernisse nicht immer ein zweites Mal überwunden werden. Die junge Marge denkt, ihr "Elvis", wie Homer sich ihr vorstellte, habe das Interesse an ihr verloren, aber es sind hier andere Umstände, die zuschlagen. Homer bekommt nämlich zu spüren, dass die Eltern ein Sommerlageraufenthalt nicht immer nur einfach zum Vergnügen ihrer Kinder ermöglichen, sondern auch, um sie mal loszusein oder sportliche Unzureichlichkeit auszugleichen... Während Homer sich im "Lager für Fettsäcke" abschwitzen muss, verlässt die enttäuschte Marge das Lager. Die Kommentare ihrer Schwestern tragen dazu ihr Übriges bei. Homers Hoffnung auf Marge gibt ihm die Kraft, aus dem Lager auszubrechen, aber es ist zu spät: Marge ist bereits fort. Das war sie also, die wirkliche erste Begegnung.

Verständlich ist für mich hier auch Marge' extreme Reaktion in der Gegenwart. Selbst als sie weiß, dass Homer nur unfreiweillig nicht zum zweiten Date erschien, bleibt sie ihn nun erst einmal distanziert. Denn ihr geht es genau so, wie es der Zuschauer von sich befürchtet hatte: Nicht nur, dass ihre bisher angenommene erste Begegnung bedeutungslos geworden ist, nein, es war sogar Homer, für den sie sonst bisher diese geheimnisvolle Zuneigung verspürte, der ihr als Kind das Herz gebrochen hatte. Natürlich hat sie das nicht die 30 Jahre lang völlig geprägt, aber jetzt kommt alles wieder hoch. Sie hat zwar gelernt, mit dieser Erfahrung zu leben, aber nun werden alte Kindheitswunden aufgerissen. Dann merkt sie jedoch, dass die damalige Begegnung mit ihr ihm doch etwas bedeutet hat: Er hat die andere Hälfte des herzförmigen, wie ihre Romanze damals zerbrochenen Steines, den sie damals fanden, all die Jahre aufbewahrt. Hier offenbart sich wieder Homers wahres, mit Marge auf einer Wellenlinie schlagendes Herz. Sie holt ihre Hälfte des Steines hervor und erkennt, dass das magische Band zwischen ihnen nicht nur nicht bedeutungslos ist, sondern noch viel länger besteht, als sie bisher dachte.

Gut, die Begegnung aus "The Way We Was" wird natürlich jetzt etwas entzaubert, aber Homers und Marge' Verbindung auf schöne Weise noch mystischer. Zum einen sehen wir wieder einmal - wie in einem Audiokommentar zu einer frühen Folge so trefflich aufgezeigt wird -, dass sie sich auf eine Weise anziehend finden, die über ein körperliches Ansprechen im herkömmlichen Sinne hinausgeht. Es ist das Innere, das sich durch ihre süße, sympathische Art zeigt, dass sie einander hingezogen fühlen und später verbunden fühlen. Das meine ich oben mit dem magischen Band und dem auf einer Wellenlinie schlagenden Herz. Und "Entstellungen" wie bei Homer die Augenklappe sprechen sie sogar noch mehr an, als dass es sie abstoßen würde. Neben dieser für andere schon nicht ganz nachvollziehbaren Anziehung gibt es aber nun zum anderen auch noch dieses geheimnisvolle Band, nennen wir es Schicksal, dass sie wieder zusammenführt und zusammenhält.

Für mich steht diese neue Perspektive ihrer Verbindung ganz in Tradition der zauberhaften frühen Staffeln, ja intensiviert sie sogar.

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