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Die Simpsons

Review von Christian Hackl

Bei "Separate Vocations" handelt es sich um ein oft übersehenes kleines Juwel aus Staffel drei; eine wunderbare Charakterstudie von Bart und Lisa, die die Persönlichkeit der beiden Geschwister genauer unter die Lupe nimmt, indem sie sie jeweils ins Gegenteil verkehrt.

Alles Unheil in der Folge nimmt durch einen völlig sinnlosen Grundschultest seinen Lauf, bei dem der Staat mittels eines Ankreuz-Fragebogens feststellen will, für welchen Beruf die kleinen Schüler später in ihrem Leben am besten geeignet sind. Diese Vorstellung allein ist schon typische OFF-Sozialsatire, die sich zur Zeit auch hierzulande im echten Leben widerspiegelt, wo gerade eine politische Diskussion über Eignungstests für Schüler verschiedener Altersklassen stattfindet. Echte Simpsons-Klassiker sind eben zeitlos.

Einerseits scheint die Folge hier durchaus Partei zu ergreifen, wird doch der Ablauf des Eignungstests ziemlich ins Lächerliche gezogen. Nicht nur wird klargemacht, daß sich ein Schüler durch ein paar falsch angekreuzte Kästchen seine ganze Zukunft verderben könnte, sondern es nimmt auch der Staat den kleinen Kurztest offenbar so ernst, daß uniformierte Polizisten die Testbögen wie Hochsicherheitsware an ihren Zielort transportieren, wo diese dann in Sekundenschnelle von einem riesigen Computer ausgewertet werden - den man mit einem kleinen Stockschlag zum Weiterarbeiten animieren muß. Andererseits bekommt Bart durch den Test ja auch die Möglichkeit, seinen Charakter zu verbessern, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren. Das ist ein positiver Aspekt; der neutrale Standpunkt wird also nicht völlig aufgegeben.

An Lisas Beispiel dagegen wird deutlich, daß es katastrophale Auswirkungen haben kann, ein Kind in diesem Alter schon auf eine künftige Laufbahn zu beschränken, die noch dazu überhaupt nicht zu ihm paßt. Der Unterschied zwischen Testergebnis (Hausfrau) und Wunschberuf (Jazz-Musiker) ist immens, bringt Lisa dazu, sich vor der Vergeudung und dem Verlust ihrer Kreativität zu fürchten, und führt schließlich auch dazu, daß sie sich depressiv ihrem Schicksal ergibt, weil sich ihr Selbstbewußtsein nicht gegen die scheinbare schlimme Realität wehren kann. Daß der Kerl in der Musikschule ihr nach dem wahrlich tollen kurzen Solo weismachen will, daß sie nicht die geeigneten Finger fürs Saxophonspielen hätte, macht die Sache selbstverständlich noch schlimmer. So entsteht eine self-fulfilling prophecy, und Lisas Charakter beginnt langsam, sich ins Negative, Destruktive zu kehren. Marge möchte Lisa zum Umdenken bewegen, findet aber in dieser Folge nicht den richtigen Draht zu ihrer Tochter und scheitert logischerweise mit der viel zu bezugslosen kleinen Geschichte aus ihrer eigenen Kindheit.

Der Zuseher bekommt somit einige ungewohnte Szenen zu Gesicht. Lisa faucht Miss Hoover ein scharfes "shove it!" entgegen, kritzelt eine Totenkopfzeichnung auf ihre Schulbank und spielt mit gleichgültiger Miene an einem Zahnstocher herum, während Skinner den Grund für ihren plötzlichen Persönlichkeitswandel ergründen will. (Daß es der Eignungstest an seiner Schule sein könnte, will ihm freilich nicht in den Sinn kommen.) Es ist durchaus unterhaltsam, Lisa auch einmal in solchen Situationen zu sehen; noch dazu, wo sie ja allesamt handlungstechnisch begründet und nachvollziehbar sind, anstatt bloß als Wegwerf-Gags nach dem Motto "Wär's nicht lustig, wenn ausgerechnet Charakter XYZ auf einmal so etwas sagen würde?" zu dienen. Daß Lisa sich noch nicht vollends in ihr böses Spiegelbild verwandelt hat und noch immer Hoffnung besteht - was auch das Mitgefühl des Publikums aufrecht erhält -, zeigt die für einen kurzen Augenblick dramatische Szene, in der ihr die beiden anderen Mädchen eine Zigarette anbieten, was Lisa offenbar doch noch zuviel ist. Sie erfindet rasch eine ziemlich kluge Ausrede, um die Zigarette nicht wirklich rauchen zu müssen.

Parallel zur Lisa-Handlung entwickelt sich jene von Bart in die entgegengesetzte Richtung. Vom abenteuerlichen und amüsant in Szene gesetzten Trip im Polizeiauto motiviert, interessiert Bart sich plötzlich für Recht und Ordnung. Sein ohnehin schon selbstbewußter und dominanter Charakter stellt sich also auf die Seite des Guten, wo er Anerkennung und Erfolg findet. An lustigen Szenen herrscht kein Mangel. Die Überwachungsfotos, die den in dieser Folge problemlos auf eine nette Nebenfigur reduzierten Homer als Kuchen-Täter überführen, sind herrlich, Willies Verhaftung sowie Barts Phantasien vom Landstreicherleben und der Gerichtsverhandlung mit Steve-Allen-Stimme ebenso, und daß Bart probehalber bei Maggie Fingerabdrücke nimmt, ist richtig niedlich. Der Bart-Plot ist eher auf der heiteren, humorvollen Seite als der Lisa-Plot mit seiner melancholischen Grundstimmung. So ergänzen sich die Handlungsstränge gegenseitig.

Doch ist auch Barts Persönlichkeitswandel keineswegs frei von negativen Seiten. Die Folge zeigt anhand von Barts Figur, wie Law & Order mit schleichender Geschwindigkeit zu einer faschistischen Gesellschaft führen kann. Wie schon ein Jahr zuvor im Subplot von "Lisa's Substitute" fungiert die Grundschule Springfields als Abbild eines Staates, auf dessen Grundlage politische Aussagen getroffen werden, die zeigen, wie viel intelligentes Gedankengut sich doch einst hinter der vermeintlichen Kinderserie, hinter der "Trägermasse für möglichst viele Gags" verbarg. Skinner, der Vertreter der Lehrerschaft, der oberen Schicht, kann sich wieder auf allen Fluren frei bewegen, aber die Schüler haben ihre Freiheit verloren. Bart steigt zur unterdrückenden, furchteinflößenden Autoritätsperson auf, die lustigerweise sogar von Kearney flehentlich um Hilfe gebeten wird, als Milhouse ihn belästigt. Als es um unautorisierte Schrankdurchsuchungen geht, setzt Bart sich schließlich über das Bundesgericht hinweg, eine übergeordnete Instanz, die für die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien sorgen sollte. Das unterstreicht elegant den tatsächlichen Freiheitsverlust des Schülervolkes und damit das politsatirische Gewicht der Folge.

In dieser Lage befindet sich die Handlung also, ehe es zum großen Finale kommt: Bart setzt an Skinners Seite mit eiserner Faust das Gesetz durch, und Lisa lehnt sich immer mehr dagegen auf. Der Konflikt ist vorprogrammiert und bricht schließlich aus, als Lisa in einer Racheaktion die Lehrerbücher verschwinden läßt, ohne die die Lehrer nicht mehr normal unterrichten können, weil sie die Antworten auf ihre Prüfungsfragen selbst nicht wissen - womit ganz nebenbei sogar ein weiterer sozialsatirischer Aspekt in die Folge rückt, so als wäre diese nicht ohnehin schon reich genug daran.

Klarerweise kommt Lisa nicht so ohne weiteres damit davon. Die Schrankdurchsuchungen beginnen mit fantastischer musikalischer Beverly-Hills-Cop-Untermalung - Skinner und Bart öffnen eine Schranktür nach der anderen, rücken der von Lisa immer näher. Und dann - der entscheidende Moment! Bart öffnet die Schranktür ruckartig. Vor seinen Augen türmen sich die gestohlenen Bücher auf. Er nimmt ein paar herab, und dahinter kommt das Familienfoto zum Vorschein. Diese gesamte Szene glänzt mit echter Spannung, tollen visuellen Perspektiven, grandioser Regieführung.

Die Erkenntnis, daß das harte Gesetz, dem sich Bart nunmehr so verpflichtet fühlt, fatale Konsequenzen für seine inzwischen in Tränen ausgebrochene eigene Schwester haben wird, wenn Skinner sie wegen des Diebstahls von der Schule wirft, löst bei Bart ein spontanes Umdenken aus, und so kommt er zu einem seiner größten Augenblicke in der ganzen Serie, als er sich für Lisa opfert.

Bemerkenswert ist daran nicht nur, welch großer Edelmut in Bart steckt, sondern auch, daß die Szene nicht im geringsten schmalzig wirkt; ganz anders als etwa vergleichbare Momente in sanfteren S1x-Folgen. Das Ende von "Milhouse Doesn't Live Here Anymore" könnte man hier anführen. Das ist nämlich im Vergleich zu "Separate Vocations" eine langweilige Wohlfühl-Friede-Freude-Eierkuchen-Szene mit Holzhammer-Regie, ein durch und durch seichter Mini-Dialog, ganz abgesehen davon, daß hinterher noch der dümmliche S1x-Schlußgag folgt. Von derart Ungemach bleibt man in Staffel drei selbstverständlich verschont.

Das Opfer ihres Bruders und sein ehrlich geäußerter Glaube an ihre Zukunft, für den er es erbracht hatte, geben Lisa all das Selbstvertrauen zurück, das ihr die Schule vorübergehend genommen hatte. Sie findet zu ihrem eigenen Ich zurück; genau wie Bart selbst, der noch verschmitzt hinzufügt, daß er sich sofort Geld von ihr pumpen würde, sobald sie etwas Großes geworden sei.

Die Folge entläßt den Zuseher mit einem wunderschönen symbolischen Bild, in dem Lisa am Schulhof wieder auf ihrem Saxophon spielt. Für den nachsitzenden Bart, wie's scheint.

Note: 1+