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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Da ich die Woche sonst nix geschrieben hatte, hier wieder ein sehr umfangreiches Review. Heute mal was zu S1 und zwar zu Superklassiker 7G12 "Krusty Gets Busted".

Die Folge enthält sehr viele Referenzen, etwa zu Themen wie dem Black-Sox-Skandal ("Say it ain´t so, Krusty") oder auch "The Prisoner" und noch vieles mehr, aber ich will mich nicht mit der Detektivstory mit Bart und Lisa und dem offensichtlichen Humor beschäftigen (der dazu beiträgt, das die Folge auch bei jüngeren Zuschauern Zuspruch findet) sondern mit den tiefergehenden, satirischen Konzepten, die für S1-Verhältnisse von einer ausgesprochen hohen Komplexität sind.

Die Episode enthält Lisas berühmten Satz "If cartoons were meant for adults, they'd put them on in prime time" und diese Selbstironie und den Anspruch für ältere Zuschauer sehen wir uns mal an.

[Warnung: über 2 1/2 Seiten Gefasel - ist sehr viel geworden]

Die Folge hat IMO zwei tiefergehende Konzepte:

- den sozialen Kommentar (Mob-Mentalität, Medienhetze) - den medienkritischen Kommentar (Unterhaltungsniveau, Zuschauerverhalten)

wovon letzterer vielleicht sogar der komplexere (aber auch verstecktere) Inhalt der Folge ist. Sehen wir uns die beiden subtilen Handlungslinien hinter der Geschichte einmal näher an.

I. Der soziale Kommentar

Der soziale Kommentar bezieht sich auf die (von mir bereits in anderen Threads erwähnten) Themen der Mob-Mentalität und der Medienhetze bzw. Medienausnutzung von Vorfällen. Die gesamte Stadt ist sofort und automatisch mediengesteuert gegen Krusty, der Reverend - bzw. symbolisch die Kirche als Institution - ruft sogar zu einem "public burning" von Spielsachen auf einem Scheiterhaufen auf (da es Spielsachen sind, brennen sie natürlich sofort und erzeugen giftige Dämpfe <= Satire in Satire).

Es ist eine Darstellung der Bürger der Stadt als gesichtslose, konforme Mob-Masse (der Satz ist sehr wichtig, wir sollten ihn uns merken, ich werde später darauf zurückkommen) die sich von Kirche und Medien die Meinung diktieren läßt und zu bequem ist, selbst zu denken, sondern sich nur der Gruppe (dem "flow" <= merken) anschließt. Symptomatisch ist Homers Satz, als ihn Bart bittet, das er nicht dem Mob folgen soll und Homer entgegnet "No I'm not, I'm hopping on the bandwagon! Now come on, son, get with the winning team!" Homer folgt der Masse, aber er erkennt es nicht einmal. Das ist große Satire, zumal 7G12 nicht nur das Verhalten zeigt, sondern auch die Wurzeln des Verhaltens.

Außerdem stützt sich das Konzept des sozialen Kommentars auch auf das Verhalten des Fernsehens (die Übergänge zu Konzept II sind hier aber eher fließend) das die "Tragödie" um Krusty für sich und für Werbung ausnutzt. Krusty wird von den Medien nicht nur sofort als schuldig abgestempelt, sein Schicksal ist auch gleich der Aufhänger für Werbung, man denke an Scott Christian, der sofort den Kanal mies macht, auf dem Krusty läuft oder an die Waffenwerbung "357 Magnum: The Clown Stopper".

Krustys Analphabetismus schließlich ist noch ein Kommentar zur sozialen Ausgrenzung und zu einer Problematik, die gerne übersehen wird (die große Zahl Analphabeten in Industrienationen) aber es ist auch ein wichtiger Aspekt für Konzept II, zu dem ich noch sehr detailliert kommen werde.

II. Der medienkritische Kommentar

Im Gegensatz zu den sozialen Fragen beziehe ich Konzept II zum Großteil auf Fragen des Niveaus in der Unterhaltung bzw. Kinderunterhaltung und auch auf das Zuschauerverhalten, denn letzteres führt uns im großen, subtilen Gesamtbild der Folge schließlich auch zu den Gründen des Mob-Verhaltens der Erwachsenen in Konzept I. Beide Konzepte, beide Satiren der Folge, sind in sich verschachtelt und ergänzend. Das ist wahre Autorenarbeit der klassischen Jahre, das ist es was OFF mal war.

Die wichtige Frage (und etwas, das normale Zuschauer gerne übersehen) ist doch "War Bob schlecht für die Zuschauer von Krustys Sendung oder war Bob gut für die Zuschauer von Krustys Sendung?" Hat denn Bob als klassischer Serienbösewicht die Sendung nur ruiniert, alle Zuschauer enttäuscht und Krustys Idee von Kinderunterhaltung (aka Erziehung) zerstört? Hat er?

Sehen wir uns den Anfang dieser Folge an, als Krusty zum ersten Mal auf dem Bildschirm auftaucht und einen berüchtigten Dialog mit der (synchron antwortenden) Masse der Kinder führt, der damit endet, das Krusty fragt "What would you do if I went off the air?" und die Masse antwortet "We'd kill ourselves." Im Folgenden geht es um den Geburtstag eines Mädchens und wieder antworten die Zuschauer synchron, das sie alle "the cannon, the cannon" (sinnlose Gewalt gegen Bob) wollen. In einer äußerst gemeinen Rückblende mit Krustys Herzinfarkt - Kent nennt es "one of television's best-loved bloopers" und lacht selbst - wird Krustys "I´m dying" mit lautem Massengelächter beantwortet.

Weiter im Text. Wir sehen eine äußerst symptomatische und für die Handlung symbolisch tragende Szene, als Kent in der Rückblende sagt, das sich Krusty nach seiner Genesung verändert hatte: "this 'new' Krusty devoted a small portion of every show to stamping out illiteracy in today's anything-for-a-thrill youth." Wir sehen Sideshow Bob, der im Hintergrund "Catcher in the Rye" hält und wir sehen Krusty, der im Vordergrund ein Buch verkehrt herum hält. Es hatte sich nicht wirklich etwas an der Sendung geändert, die "small portion" hatte wenig Bedeutung, da Krusty mit diesen Büchern nichts anfangen kann (verkehrt herum) und der Intellekt (Bob) symbolisch weiter im Hintergrund bleibt.

Als Bob die Sendung übernimmt, ändert sich plötzlich sehr vieles - Bob liest klassische Romane für die Kinder, er singt Cole Porter, er spricht über Stoizismus und Philosophie und andere Themen, wir hören Mozart-Musik als Titelmelodie. Es ist nun plötzlich Intellekt und Kultur in der Sendung, sicher auch ein Hauch Individualismus mehr als zuvor. Das die jungen Zuschauer einer Clown-Show diesen radikalen Stilwechsel akzeptieren, ist sicher surreal und ein Teil der satirisch überzeichneten Realität, aber es ist IMO wichtig für das Gesamtkonzept.

Für Krusty waren die Zuschauer eine gesichtslose, konforme Kindermasse (<= da haben wir den Satz wieder) die auf seine Sätze und seine Aktionen nach festem Schema geantwortet haben, ja, die selbst dann noch gejubelt und gelacht haben, als Krusty beinahe auf der Bühne gestorben wäre. Auch nach Bobs Übernahme der Sendung ist dieses feste Schema "konditioniert", auch auf Bobs Sätze wird mit der üblichen Reaktion geantwortet und selbst Lisa bittet Bart arg uncharakteristisch "Come on, Bart, go with the flow" (der "flow" bei den Kindern in Bobs Zuschauerreihen ist der selbe "flow" dem die Erwachsenen folgen, wenn sie z.B. die Spielsachen vor der Kirche verbrennen, es ist ein Thema) und schließt sich der Masse an. Und genau hier bei diesen Kindern sehen wir IMO auch die Wurzel für die Mob-Mentalität der Erwachsenen in der ersten Hälfte der Folge (<= genial).

Die Folge hat nun eine sehr wichtige Szene, die viele Leute übersehen. Bob entdeckt Bart zwischen den Kindern und sagt, er sieht eine traurigen Jungen und geht zu ihm, er wendet sich dem Individuum in der Masse zu (was er noch bitter bereuen wird ;-)). Ob er sich Bart nur deshalb zuwendet, weil er eben nicht konform in die Jubelmasse passt oder ob er sich ihm aus ernsthaften Absichten zuwendet, sei mal dahingestellt, da Bob auf ein anstehendes Thema "präpubertäre Verklemmungen" seiner Sendung hinweist, scheint ihm die Akzeptanz des Individuums weit ernster zu sein als Krusty. Der Erzbösewicht der Serie tut hier etwas, das absolut positiv ist (eine astreine Autorenarbeit.)

Um endlich zum Ende zu kommen: die Folge ist sehr indifferent über die Schuldfrage und daher weit weg von einer typischen schwarz/weiß-Darstellung (obwohl all die Szenen mit Bobs Gelächter und Spott über Krusty doch dazu dienen, ihn zumindest auf den ersten Blick auf die negative Seite zu stellen.) Bob hatte eigentlich gute Absichten, nur seine kriminellen Wege waren falsch. Krusty hat nun gewonnen, aber haben seine Zuschauer gewonnnen? Ich denke, sowohl Bob als auch Krusty sind in der Folge Opfer und Täter zugleich. Bob sagt am Schluß noch einen wichtigen Satz, um all seine primär guten Absichten aufzuzeigen:

"Treat kids like equals! They're people too! They're smarter than you think!" <= Plädoyer für Bildung und Individualimus

Hier nochmal die indifferente Rollenverteilung von Gut (?) und Böse (?):

Krusty (Täter): Betrachtung der Kinder als Masse, konforme Unterhaltung/Erziehung? Krusty (Opfer): Opfer von Bobs Plänen, Opfer der Medien/der Gesellschaft Bob (Täter): Kriminelle Wege, um sein Ziel zu erreichen Bob (Opfer): Opfer von Krustys Unfug, Opfer von sinnleerer Unterhaltung

In den folgenden beiden Bob-Eps wurde Bob zum geradlinigeren Bösewicht, die Ambivalenz seines Charakters, die wir in 7G12 hatten, verschwand. Erst in "Sideshow Bob Roberts" sehen wir sie in Ansätzen wieder, die gesamte Konzeptbreite einer 7G12 sehen wir in S6 aber nicht mehr, der große Traum der ersten Jahre war auch dort schon vorbei.

Die deutsche Synchro ist für S1-Verhältnisse ganz akzeptabel, ein paar seltsame Rabe-Sätze sind sicher drin, Apu hatte einen obskuren John-Wayne-Sprecher ohne jeden Akzent. Bob hieß damals noch Sideshow Bob und wurde von Randolf Kronberg gesprochen, der doch der bessere deutsche Bob war (von seinem "Idschii und Graatschi" in der Ep mal abgesehen). Am besten ist natürlich wie immer die OV, alle Referenzen sind dann klarer und kein Bob ist so cool wie Kelsey Grammer.

Fazit: eine brillante Folge mit verschachtelter Satire, astreiner Autorenarbeit und sehr viel mehr tiefen Konzepten und Referenzen als man auf den ersten Blick erkennt. Kinder sehen sich die Folge wegen der Detektiv-Story an, Erwachsene wegen der vielen Inhalte und sozialen Kommentare. Those were the days. Sehr schöne Ambivalenz bezüglich Bob und der Frage, ob seine Aktionen im Resultat gut oder schlecht waren und Kommentar zu Mob-Mentalität, Massenkonformität und deren Wurzeln. In einer Staffel wie S1 (die oft zu direkt war) ein herausragendes Meisterwerk. Note A+.

Kommentare sind willkommen.

P.S. Kritik am Schluß: Bob hätte sich eigentlich nie als Krusty verkleiden können. Wo hätte er die Haare versteckt? Wieso spricht er mit Krustys Stimme? Wizard did it. Der Rest gleicht das aus.

© Chris Pfeiler