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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Ich habe mich zu einem Review über eine meiner Lieblingsfolgen entschlossen, nämlich über 7F19 "Lisa´s Substitute". Obwohl das Review mal wieder recht lang geworden ist, kann es IMO nur einen Teil der Konzeptbreite abdecken, sowohl bezüglich Haupt- als auch Subplot. Die Komplexität ist zu groß.

Warnung - viel Gefasel, etwas holprig. Ich komme aus der Übung mit Reviews.

Die Capsule zu 7F19 beginnt kurioserweise mit den Worten "I laughed, I cried, it became a part of me" - ein Satz, der bereits einen interessanten Eindruck von der IMO starken emotionalen Kraft der Folge vermittelt (wenn mir bei dieser Folge etwas Melodramatik gestattet ist.)

Bereits der Bart-Subplot hat einige bemerkenswerte satirische und ironische Elemente, man denke an das Sex-Poster (wie bereits von mir erwähnt), die geniale Parodie (mit dem "Simpson Defeats Prince" Zeitungsartikel) auf die klassische Falschmeldung, das Dewey Truman bei der Präsidentschaftswahl 1948 besiegt hat, Martin, der sich abschätzig über Ray Bradbury äußert, sowohl Martin als auch Bart gehen mit dem Slogan "A Vote for Bart is a Vote for Anarchy" auf Wählerfang (brillante Idee), die Satire über das Wählerverhalten, die Nachzählung - all das sind Hinweise auf eine extrem komplexe Satire unter der Oberfläche der Handlung.

Die Implikationen über Wählerverhalten und über die ernstere Tatsache, das Wahlen bei geringem Interesse und geringer Wahlbeteilung von Randgruppen gewonnen werden können (jeder hat Bart zugejubelt, aber niemand hat gewählt, so daß am Ende Martin gewinnt) eröffnen ein breites Feld für weitere Diskussion, ich will mich im Review aber mehr dem Lisa-Plot widmen. Wie wir noch sehen werden, ist der Bart-Plot auch für die Lisa-Handlung wichtig, zumindest auf konzeptioneller Ebene.

Die Folge setzt für Lisa quasi die Handlung von 7G06 "Moaning Lisa" fort und das (wie ich sagen muß) sogar mit weit mehr Klasse und Tiefgang als das etwas zu direkte S1-Vorbild. Wir treffen erneut auf das Konzept, das Lisa nach einer intellektuellen (und auch emotionalen) Bezugsperson sucht. Auf den ersten Blick geht es in der Folge um eine typische Kinderschwärmerei für einem Lehrer (wie sie aus diversen Sitcoms/Serien? bekannt ist), auf den zweiten Blick geht es aber weit tiefer, denn Lisa ist auf der Suche nach einem Ersatzvater und nach einer Bezugsperson, die ihr gleich ist und mit der sie aus ihrem Status der kreativen Unterdrückung entkommen kann. In 7G06 war BGM diese Person (für ihre musikalische Kreativität) und in 7F19 ist es Mr. Bergstrom (für ihre intellektuelle Kreativität.)

Es ist immer schwer, den Begriff zu definieren, aber das ist wahre Charaktertiefe. Es geht in der Ep IMO nicht wirklich um simple Kinderschwärmerei, sondern erneut um Lisas alte Ur-Ängste des Alleinseins in einer Welt ohne Bezugsperson. Wir haben in 7G06 gesehen, das Homer und Lisa nicht auf gleichem Level kommunizieren (als Lisa ihm damals von all ihrem Weltschmerz berichtet hatte, hatte Homer nur mit "Ride the Homey horsey" geanwortet, obwohl er verstehen wollte, aber nicht konnte) und dieser Konflikt setzt sich in S2 und 7F19 auf weit komplexerer Ebene fort.

In ihrem Bestreben, ihrer Bezugsperson Mr. Bergstrom nahe zu sein und ihr normales Leben hinter sich zu lassen, liegt leider auch die finale Tragik. Im Verlauf der Folge distanziert sich Lisa mehr und mehr von ihrer Familie, da sie ihr "Glück" an anderer Stelle sieht und sucht (warum sollte sie Lisa Simpson mit Vater Homer sein, wenn sie Lisa Bergstrom mit "echtem" Bezugsvater sein könnte.) Das ist klar zu erkennen, z.B. als sie mit Marge im Keller argumentiert, das ihre Zuwendung zu Mr. Bergstrom von einer "besseren" Art ist als Marges Liebe zu Homer (worauf Marge sehr verärgert reagiert.)

Lisa versucht sich auch von Bart und seinem Wahlkampf zu distanzieren und kommentiert eine von Barts Aktionen mit "You'll never go broke appealing to the lowest common denominator." (ein Satz der leider auf viele heutige OFF-Folgen zutrifft) worauf Mr. Bergstrom bemerkt, wie stark sich Lisa von ihren familiären Wurzeln distanzieren will und daher darauf hinweist, das sie Bart eines Tages als Bruder vermissen wird, wenn sie an anderen Orten sein wird. Diese kurze Szene ist extrem wichtig, denn später in der Folge wird eine andere Person (nämlich "Un-Vater" Homer) fast genau dieselben Worte wählen, wie ihre "Überbezugsperson" Mr. Bergstrom. Eine brillante emotionale Komplexität.

Es kommt am Ende, wie es kommen muß - Lisa verliert Mr. Bergstrom (ein Vorgeschmack auf den konzeptionell ähnlichen Verlust von BGM) und muß in der exzellenten Bahnhofszene begreifen, das sie ihren "Übervater" falsch gewählt hat. Mr. Bergstrom offenbart sich ihr sogar in einer Form, in der er sich sonst keinem Schüler offenbaren würde, er bezeichnet sich selbst als Schwindler, der mal hier und mal dort ist und die "Form" annimmt, die gebraucht wird. Er sagt "That's the problem with being middle-class. Anybody who really cares will abandon you for those who need it more."

Die Bahnsteigszene ist vielleicht eine der tiefsten emotionalen Momente der gesamten Serie (was für ein Unterschied zum dummen und oberflächlichen S1x-Krawall). Vermutlich haben viele Leute den Sinn des Zettels nicht verstanden oder sich nicht die Mühe gemacht, etwas "unlustiges" zu verstehen. Der Zettel gibt Lisa gerade das zurück, was sie verloren glaubte - ihre eigene Identität. Sie ist nicht allein. Sie ist nicht Lisa Bergstrom, die nun ohne Bezugsperson leben muß. Sie hat eine Familie. Sie hat eine Bezugsperson, an die sich nicht glauben wollte. You are Lisa Simpson.

Lisa versteht die Botschaft allerdings noch nicht und ihre Furcht vor dem Alleinsein wandelt sich in Trauer und Wut und es gibt eigentlich nur eine Person, auf die diese Wut nun fokussiert wird. Man beachte, das ihre Wut erst ausbricht, als Marge beim Abendessen "Tell your father" zu ihr sagt und damit Homer meint, was zur berüchtigten "Baboon"-Szene führt. Ihre Wut ist aber derart leer und flüchtig, das darunter sofort die Traurigkeit durchbricht und sie weinend wegläuft.

Die folgende Aussprache zwischen Homer und seiner Tochter wiederholt Teile der Konzepte, die ihr Mr. Bergstrom vermitteln wollte (er hatte ihre Tragik verstanden) und so wie sich ihr Mr. Bergstrom am Bahnhof als Schwindler offenbart hat, offenbart sich Homer nun als ihr Vater und Monkey Man (ein affiger Joke, den ich mal nicht kritisiere) der ihr zwar nicht intellektuell gleich ist, der aber immer emotional für sie da sein wird (man denke an das "wollen aber nicht können" aus 7G06) - zumindest bis ihn die Abdummung und Plättung von S1x zerstört. Es ist nicht ganz klar, wieso Lisa sich wieder Homer zuwendet, es mag an der Ähnlichkeit der Aussagen von ihm und Mr. Bergstrom liegen, vielleicht versteht sie am Ende, was der Zettel gemeint hat.

Die Synchro ist in der DV ganz okay, Nobby und Frau Bohlmann sind deutlich besser als heute, aber doch sehr weit von der emotionalen Tiefe von Dan und Yeardley Smith weg. Hinter Sam Etic verbirgt sich natürlich Mr. Dustin Hoffman, die Folge referiert zum Teil ja auch deutlich auf "The Graduate", z.B. in der Szene als Edna Mr. Bergstrom verführen will und die Kamera den Blickwinkel durch ihr Bein zeigt. Der "Affenarsch" in Rabes Synchro fällt mir immer etwas negativ auf. Die US-Syndication ist mit 93 Sekunden *extrem* stark geschnitten, es fehlen essentielle Teile. Die Schlußszene der Ep (Homer spricht mit Marge) wird komplett in 8F03 "Bart The Murderer" wiederverwendet.

Was gibt es noch zur Ep zu sagen? Ein Meisterwerk der Charaktertiefe und Handlungstechnik und damit ein totales Gegenteil zum "freakin´ funny" Mainstream heutiger Tage. Es ist erstaunlich, welch immenses Identifikationspotential mit den Charakteren in der Folge steckt und wie stark man sich doch in simpel gezeichnete und nur entfernt menschenähnlichen Figuren einfühlen kann und wieviel Inhalt und Tiefgang in nur 20 Minuten stecken können (da stinken manche Kinotrickproduktionen mächtig ab dagegen, trotz Big Budget und perfekter Animation.)

7F19 ist auf jeden Fall die Art von Episode, die einen durchaus tiefer ansprechen können und nach denen man noch ärgerlicher über die heutige Degradierung der Serie ist. Und wer es lächerlich und bekloppt findet, sowas über einen simplen und damals noch echt "mies" gezeichnete Gaudi-Cartoon mit gelben Chaoten zu sagen, dem steht das frei. Ich hab längst nicht alles gesagt, was es über 7F19 zu sagen gibt, es ist IMO eine der besten Folgen überhaupt. Note A+.

Kommentare sind natürlich sehr wilkommen.

© Chris Pfeiler