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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Nun ist 7F13 eine Episode, die man vermutlich leicht als moralinsaure Sitcomstory mit Religionsthematik betrachten könnte, wenn man sich die Sache denn einfach machen will bzw. in der Serie generell nicht mehr als gelbe Trickfiguren sehen will. Bei genauer Betrachtung ist es IMO aber eine Folge, die so reich an Subtext und Details ist, daß ich bei jedem Ansehen noch neue Dinge entdecken kann und daß ich mir über die Möglichkeiten der Interpretation bis heute nicht sicher bin. Die nun folgende Betrachtung ist daher auch nur ein kleinerer Ausschnitt und eine eher unsortierte Denkanregung, die ergänzt werden müsste.

Die Folge zeigt uns IMO zwei elementare Probleme im Bezug auf Moral und deren Argumentation und Durchführung in der Gesellschaft.

Das erste Problem ist eine Unvereinbarkeit von "biblischen" Geboten mit einer Realität der (Erwachsenen-)Welt. Während die Kinder in der Sonntagsschule von der freundlichen Lehrerin mit düsteren Geschichten über die Hölle erschreckt werden ("Maggots are your sheet, worms your blanket [...] You´ll be tormented day and night for ever and ever...") und dadurch das Befolgen der Gebote indoktriniert bekommen, folgt die bigotte Welt der Realität schon lange anderen Regeln - was jedoch nur Lisa aus ihrer kindlichen Perspektive zu bemerken scheint.

Interessant daran ist, daß sie zwar einerseits die quasi unschuldige Position des hinterfragenden Kindes als moralische Instanz vertritt, auf der anderen Seite aber letztlich auch selbst eher "Produkt" einer Manipulation ist - nämlich jener durch die Gruselstories der Sonntags- schule. Daß die Folge dennoch wunderbar funktioniert und Motivationen und Emotionen derart plausibel bleiben, zeigt die Klasse der Autoren- arbeit und Charaktertiefe in jenen Tagen. Aber weiter im Text.

In der Realität der Erwachsenen wird gegen zahlreiche Gebote verstoßen, einschließlich natürlich des Stehlens. Wir sehen dies zum Teil in mehr oder weniger offensichtlichen Szenen (wie etwa Jimbo, der sich mehrfach nach Art des Vierfingerdiskounts bedient), zum Teil aber auch subtiler.

So "stiehlt" in gewisser Weise auch Monty Burns - und zwar Gesellschaft und fremde Atmosphäre - in dem er für sich in Anspruch nimmt, während des Boxkampfes umsonst an der Atmosphäre der (ihm sonst so verhassten) Arbeiterklasse teilhaben zu können. Was er ja in seiner wunderbaren S2- Ausdrucksweise bereits durch seine Vorbeschreibung eines Arbeiterhauses unterstreicht "The screen door rusting off its filthy hinges, mangy dog staggering about, looking vainly for a place to die..." Der klassische Großkapitalist Monty Burns - ich vermisse ihn sehr.

Das zweite, elementare Problem ist die moralische Argumentation über den Versuch der Umsetzung von "Geboten" in der realen Welt. Das ist bei der genaueren Betrachtung ein eigentlich noch komplexeres Thema der Episode.

Beispiele:

- Die Broschüre zum Kabelklau hält z.B. für jedes moralische Argument ein (oft sicher arg wackeliges) Gegenargument bereit.

- Als Marge versucht, für Lisa ein gutes Beispiel zu sein und sich die zwei Weintrauben berechnen läßt, wird sie zum "Weirdo" in der normalen "who cares?"-Gesellschaft im Supermarkt.

- Als Lisa versucht, Homer auf die Diskrepanzen in der Gesellschaft anzusprechen, argumentiert dieser auf absurde Weise, daß Lisa durch die Tatsache, daß sie umsonst in seinem Haus verpflegt wird, selbst im moralischen Glashaus sitzt.

- Auch Reverend Lovejoy als Vertreter der organisierten Religion kann Lisa die Frage nach Moral nicht konkret beantworten und sagt unsicher, daß ein Mann, der ein Brot für seine hungernde Familie nimmt, ja wohl nicht stiehlt - außer vielleicht, wenn er Gelee drauf streicht.

Gerade das Beispiel mit Lovejoy zeigt IMO den deutlichen Unterschied zu religiösen Moral-Cartoons. Der Zuschauer ist angehalten, auch den Hintergrund der (religiösen) Moral in die Betrachtung mit einfließen zu lassen. Man kann u.U. auch davon ausgehen, daß zu diesem Zeitpunkt auch Lisa die "Gruselstories" der Sonntagsschule kritischer ansieht, nun jedoch aus grundsätzlichen, ethischen Gründen für das Seelenheil der Familie und speziell Homers eintreten möchte. Der Zusammenhang mit christlichen Motiven ist zwar da, ist aber ambivalent zu sehen.

Der Protest von Lisa ist in klarer Gandhi-Anlehnung gehalten, und hier weit kraftvoller als in späteren Mini-Erwachsenen-Folgen, in denen sie zu oft das liberale Sprachrohr der Autoren wird bzw. eher eine Parodie auf übersteigerten Liberalprotest. Besonders S2 hat diese Szenen stets mit Bravour gemeistert, während bereits ab S7 mit Folgen wie "Lisa The Vegetarian" ein Einseitigkeitsproblem auftritt, dass dann zum Phrasen- dreschen ab den Scully-Jahren geführt hat. In 7F13 kann Lisa noch mit einem einzigen schweigenden Blick so viel mehr vermitteln.

Obwohl man das Thema der Folge nicht unbedingt mit der organisierten Religion verbinden muß, ist das Schlußbild mit Homer, der die Stufen des Mastes hinaufsteigt, eine recht klare Metapher über sein Seelen- heil und seinen Aufstieg nach "oben" - wohin auch immer ("Dad, we may have saved your soul." - "Yeah, at the worst possible time...").

Ansonsten ist die Folge natürlich angereichert mit jeder Menge feiner Gags und Details, man beachte z.B. Bart, der durch Überkonsum Figuren aus Filmen nur noch auf Filmtitel reduziert ("Ooh, this is where Die Hard jumps through the window." "...Ho ho, this is where Wall Street gets arrested, ha ha...") und vieles mehr an TV- und anderen Details. Auch die Qualität der Animation und die Leistung der Sprecher ist wie damals üblich von einer herausragenden Art, die unterstreicht, daß es noch keine digital bearbeitete Fließbandproduktion von Folgen gab.

Eine subtilere Beobachtung soll noch erwähnt werden, die mir auch erst durch die Capsule ersichtlich wurde: in seiner Fantasiesequenz, in der sich Homer im Gefängnis sieht, trägt er die Häftlingsnummer 7734. Wenn man jene Nummer in einen Taschenrechner eintippt und dann auf den Kopf stellt, wird das Wort HELL daraus (mit kleinem h).

Kommen wir zu einem Ende, obwohl sicherlich längst nicht alles zur Folge gesagt ist. IMO eine der besten Folgen in der besten Staffel überhaupt - da bleibt nicht viel Spielraum für die Benotung. Note 1+

Ähnlich wie diese Folge ist im Grunde IMO fast die gesamte S2 so reich an Details und Subtext, daß man eigentlich monatelang diskutieren kann, ohne alte Themen zu wiederholen. Aber ich sehe natürlich ein, daß das in einer vom 21. Jahrhundert so zerstörten Newsgroup nicht mehr machbar ist. Ich hoffe, daß trotzdem jemand etwas Freude an diesem Review hatte, denn es ist nun doch länger geworden, als ich ursprünglich vor hatte.

Chris