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Die Simpsons

Review von Christian Hackl

Da vor kurzem festgestellt wurde, daß es zu wenige Kritiken alter Folgen gibt, habe ich beschlossen, diesem Umstand gezielt entgegenzuwirken :)

"The Way We Was" bietet sich an, da ich von der Folge vor allem beim Analysieren von "The Way We Weren't" und auch neulich bei einer Diskussion über das (empfehlenswerte) Fanskript "Brawl About My Mother" [1] Eindrücke gesammelt habe und ich sie heute besser finde als je zuvor. Also:

Die erste Rückblickfolge, und noch immer eine der brillantesten - wenn nicht die brillanteste überhaupt. Homer ohne Bauch, Marge mit langen Haaren, Discokugeln, völlig dumme Frisuren und dazu noch die unverwechselbare Musik: Siebziger-Atmosphäre pur. Die Folge versetzt einen in eine völlig andere, zauberhafte, liebevoll ausgeschmückte Welt und zeigt dem Zuseher eine sehr plausible Jugend der heutigen Simpsons-Eltern inmitten des damaligen Springfield.

Die Geschichte schafft es mühelos, die Charaktere von Homer und Marge glaubwürdig um ein paar Jahrzehnte zu verjüngen. Die Grundzüge der Figuren sind vorhanden, teilweise durchaus schon ziemlich ausgeprägt: Homers Gutmütigkeit und Naivität sowie Marges Zurückhaltung etwa. Dennoch hat man nie den Eindruck, hier nur Simpsons-Figuren in einem etwas jüngeren äußeren Erscheinungsbild zu sehen. Ganz im Gegenteil: ein wohliges, nostalgisches Gefühl beherrscht das Geschehen, weil man Elemente aus der Simpsons-Gegenwart sehr dezent auf das beschränkt hat, was im Rahmen der Siebziger-Umgebung Sinn ergibt, und dazu zählen Homers Jugendfreundschaft mit Barney, Abes angedeutete Alleinerzieherrolle und Marges Familie. Genau so und nicht anders soll es sein. Diese Formel wurde im Lauf der weiteren klassischen Rückblickfolgen immer weiter an das Heranrücken an die heutige Zeit angepaßt (was natürlich nachvollziehbar ist und nicht als Kritikpunkt mißverstanden werden darf).

Ein wesentlicher Aspekt ist es, daß die Möglichkeiten des Animationsgenres mit Maß und Ziel ausgenutzt werden. Man darf nicht vergessen, daß eine solche Zeitreise mit echten Schauspielern unmöglich wäre - bei den Simpsons ist's dagegen kein Problem. Diese Einfälle waren und sind es, die den Umstand, daß die Figuren nur gezeichnet sind, in einen echten Mehrwert verwandeln. Kein spektakulärer Zeichentrick-Krawall, keine vor Gags und "Fun" triefende kunterbunte Cartoon-Welt. Der einem ganz bestimmten Zweck gewidmete Einsatz ist es, der das Genre zur eigenen Kunstform adelt.

Matt Groening selbst bezeichnet die Szene, in der Marge das Nachsitzzimmer betritt, als großartigste Aufnahme, die jemals von Marge gemacht wurde. Und da hat er völlig recht. Künstlerisch aufbereitet, begleitet von "Close To You", alles vor den Augen eines staunenden Homers. Da muß man sich vor Lob überschlagen. Szenen wie diese setzen der Serie ein Denkmal. Die Liebe zum Detail bei Optik und Akustik trägt ihr Scherflein dazu bei, daß sie sich so ins Gedächtnis einprägen.

Was Artie Ziff betrifft, so ist dieser einer von vielen grandiosen Charakteren mit Einzelauftritt in Staffel zwei. Die Szene, in der er Marge im Auto sexuell belästigt, sticht besonders hevor. Marge wehrt den Angriff bravourös ab, zwingt Artie sofort in die Defensive und läßt sich von ihm nach Hause fahren. Wir sehen hier bereits die charakterlich gefestigte, erwachsene, würdevolle Marge, die wir kennen und lieben gelernt haben. Hinter der gar etwas schüchtern wirkenden äußeren Hülle verbirgt sich ein Mädchen mit Herz und Selbstbewußtsein.

Der Humor kommt auch nicht zu kurz, und er wirkt kein einziges Mal gezwungen oder unnatürlich. So spielen all die Komponenten zusammen, die aus einer Simpsons-Folge einen Klassiker machen. Vater Abes Gespräch mit Homer ("Übernimm dich bloß nicht!"), das erste Zusammentreffen von Homer mit Patty und Selma, das haargenau so verläuft, wie man es sich erwarten kann, und Homers schlagende Argumente im Debattierklub heitern die Liebesgeschichte auf.

Ja, der gute Homer. Er ist wahrlich ein armer Tropf. Sein Trick mit der Französisch-Nachhilfe funktioniert so gut, bis er alles zugibt und ihm Marge den Laufpaß gibt - was er nicht kapiert, weshalb er sie trotzdem am Ballabend abholen will. Am Ende latscht er zu Fuß, alleine und frustriert vom Liebesfelsen nach Hause - aber noch ist nicht aller Tage Abend.

Was bleibt da noch zu sagen? Eine fantastische Folge, die den Weg für viele weitere ihrer Art geebnet hat, voll von schlichter und ehrlicher Romantik, untermalt mit wunderbarer, stimmungsvoller Musik. Die Blume, die Homer am Schluß am rechten Träger von Marges Kleid festmacht - dem Träger, den Artie bei seinem Annäherungsversuch versehentlich zerrissen hatte -, ist eine rührende, im richtigen Ausmaß subtile Symbolik. Herrlich inszeniert.

Die Moral der Geschichte ist menschlich und optimistisch: Homers Unbeirrtheit und seine Gefühle für Marge haben Berge versetzt und die beiden letztendlich doch zusammengeführt. Wer diesen Gedanken automatisch als kitschig, schmalzig oder billig abtut, muß ein gnadenloser Zyniker sein. Könnte man die Grundidee für dieses Meisterwerk denn überhaupt noch besser in die Tat umsetzen? Ich bezweifle es. "The Way We Was" kommt dem Bild der perfekten Simpsons-Folge nahe.

Note: 1+

[1] <URL:http://www.uloc.de/cgi-bin/wiki.pl?Informationen/ABCF01>;