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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Um schneller als die S2-Ketzer zu sein, schreibe ich jetzt gleich mal ein Review zur heutigen 7F09 "Itchy & Scratchy & Marge" - IMO eine der besten Folgen aller Zeiten und eine geniale Satire über Gewalt in den Medien und deren Einfluß auf Kinder und Gesellschaft. Ich widme dieses Review dem HodRuZ, weil es seine Lieblingsfolge ist und auch für seinen unermüdlichen Kampf gegen das Unwesen fehlender Kommata (<= Schleimerei ;-)).

Bereits die Anfangszene, als Homer von Maggie mit dem Hammer niedergeschlagen wird, ist eine ultrageniale und sehr detaillierte Parodie auf die Duschszene aus Psycho und - völlig im Gegensatz zu modernen Humer-Quälereien - von absoluter Relevanz für die Handlung. Es setzt die Handlung quasi in Bewegung und ist ein wichtiges Element für die Dynamik der gesamten Satire.

Die Episode schafft es während ihrer ganzen Laufzeit stets unklar über ihre Aussage und ihre Moral zu bleiben. Es wird keine Schwarz/Weiß?-Malerei zum Thema Mediengewalt betrieben, sondern das Problem wird bis zum Schluß mit einer derartigen Unklarheit behandelt, das die Folge am Ende keine Lösung sondern nur denkanregendes Material für weitere Diskussion bietet - die Unklarheit und die Subtilität der Aussage ist ein deutlicher Schritt weg von der Holzhammer-Moral die S1 noch hatte.

In S1 hätte die Moral vermutlich zu direkt gelautet "Gewalt in den Medien ist schlecht" mit zuwenig Spielraum für persönliche Gedanken, während die subtilere Moral in S2 eher in Richtung "Gewalt in den Medien ist ein Problem mit vielen Facetten. Denkt darüber nach" geht. Sehr viel besser, aber später leider nur selten wieder in dieser Hochform erreicht.

Während Maggie sehr deutlich von den Cartoons zu Gewalt inspiriert wurde, scheinen Bart und Lisa den I&S-Szenen eher mit kindlicher Unschuld (oder Abstumpfung?) gegenüber zu sitzen, weshalb sie nicht in der Lage sind, Marges Argumentation zu folgen, sondern eigene schlüssige Gegenargumente finden, wie etwas Lisas "But Mom, if you take our cartoons away, we'll grow up without a sense of humor and be robots." (Bart: "Really? What kind of robots?"). Wer ist im Recht? Bereits hier greift die subtile Unklarheit der Moralität der Folge und es wird klar das Marge das sehr komplexe Problem aus einem zu einfachen Blickwinkel betrachtet (und daher versagen wird.)

Der Fernsehauftritt von Marge ist ein klassisches und brillantes Beispiel für satirischen Dialoghumor der aus der Absurdität der Aussage entsteht - und nicht aus simplen visuellen Gags für die Massen.

Kent, der (als Vertreter der Medien) eigentlich objektiv sein sollte, bezeichnet Marges Protest gleich am Anfang der Sendung als "stupid question" und läßt sich von Roger Meyers jr. mit Aussagen wie etwa dem unsinnigen Vergleich zwischen Cartoons und den Kreuzzügen und dem "unglaublichen Fakt" das es auf der Welt schon lange vor Trickfilmen Gewalt gab, überzeugen. Dr. Monroes Auftritt und sein völlig belangloses Gerede scheinen mir eine Anspielung darauf zu sein, das sich auch Psychologen über die Wirkung von Gewalt in den Medien unklar sind.

Wir haben hier das gleiche Konzept wie z.B. beim "Schauspieler als Charles Darwin" der in 7F01 die Menschen mit einer für den normalen Menschenverstand surrealen Aussage überzeugt - eine satirisch überzeichnete Realität die ihren Humor aus der gesellschaftlichen Akzeptanz des Absurden bezieht.

Die lächerlich entschärfte lahme I&S-Version und die erneut überzeichnete Realität der "braven" Kinder die zu den Klängen von Beethovens 6. Symphonie ihre Fernseher abschalten und mit verkniffenen Augen nach draußen laufen und "befreit von Gewalt im TV" ihre Kindheit wiederfinden - all das hat *nicht* die Absicht einer ernsthaften Moral und es ist völlig klar das dieses Utopia nicht funktioniert, das es nicht funktionieren *kann* weil es auf Realitätsfremde und Vereinfachung des Problems aufbaut.

S1 hätte unter Umständen mit dieser simplen Moral geschlossen (was ein Kritikpunkt wäre) aber in S2 wird nochmal nachgesetzt und Marge wird mit den "wackligen Beinen" ihres eigenen Kreuzzugs und ihrer Vereinfachung des Problems konfrontiert. Ist die Nacktheit von Michelangelos David nun Schmutz oder nur eine Form der künstlerischen Freiheit? Ist Gewalt im TV nun Schmutz oder auch wieder eine andere Form der künstlerischen Freiheit? Was ist Kunst, was ist Freiheit der Kunst, was ist Freiheit der Medien? Was ist richtig und falsch? Die Folge gibt keine konkrete Antwort.

Dr. Monroe weist Marge auf die Probleme ihrer Überzeugung hin und sie ist nicht in der Lage eine echte Antwort zu finden und sagt "I guess one person can make a difference, but most of the time, they probably shouldn't." Ihre eigene moralische Absicht hat zwar versagt, bleibt aber als denkanregendes Konzept über das Ende der Folge hinaus wirksam.

Das Ende der Folge ist im Kern pessimistisch, die Straßen sind verlassen, die Reste der "friedlichen Kindheit" liegen einsam im kalten Wind (symbolisch) und die Gewalt im TV ist zurück und wird entweder mit Unschuld oder aber mit Abstumpfung von den Kindern aufgenommen. Maggies Pfeilschuß auf Homers Bild ist die letzte Szene, die Stellung zur negativen Seite bezieht, alles weitere bleibt dem Zuschauer überlassen. Die letzte ruhige Szene zwischen Marge und Homer dämpft die dunklere Seite des Endes etwas ab und zeigt das die Integrität der Familie trotz der absurden Welt erhalten bleibt (<= wichtig.)

Fazit: eine brillante und in ihrer Aussage subtil unklare Mediensatire, zu der man sicher noch weit mehr schreiben könnte (muß aber nicht sein). Ich hoffe nur das die deutsche Rabe-Fassung einen Großteil des OV-Inhaltes erhalten kann. IMO eine der besten Folgen aller Zeiten. Note A+