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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Zur Abwechslung heute mal wieder ein kleines Review zu einer hübschen Folge aus Staffel 2. Ich habe mir dieses Mal eine Episode ausgesucht, die bei Diskussionen über S2 zumeist etwas im Hintergrund bleibt (und damit z.B. das Schicksal von "Simpson & Delilah" teilt) und die sogar von mir früher zu negativ bewertet wurde: 7F08 "Dead Putting Society", geschrieben von Jeff Martin, US-Erstsendung 15. November 1990.

Was mich lange Zeit an der Folge etwas gestört hat, war die auffallend mürrische Charakterisierung von Homer, die nicht so ganz in sein sonst eher kindliches Gemüt im 7F-Umfeld zu passen schien. Sehen wie hier gar erste Anzeichen des Jerkass? Begann der Niedergang des Charakters etwa an jenem schicksalshaften 15. November 1990? ;-).

Bei genauer Betrachtung passt das Verhalten von Homer sehr gut in sein kindliches Gemüt, denn auch (oder eben gerade) ein kindliches Gemüt hat seine dunklen Seiten - hier dargestellt in Form von Eifersucht auf Ned Flanders und dessen Erfolge im Leben. Man könnte jetzt kritisch sagen, daß Streit mit dem Nachbarn (und lustige Resultate) ein eher typisches Sitcom-Muster darstellen und es der Folge daher an OFF-Geist mangelt.

Dies wäre jedoch IMO eine zu einfache Betrachtung. Interessant an der Folge ist u.A., wie sich das Rollenverhalten der Charaktere umzukehren scheint. Die "verantwortlichen Erwachsenen" Homer und Ned werden quasi zu streitenden Kindern, die ebenso kindgerecht ihren Streit nicht nur zwischen sich selbst austragen, sondern über Dritte als Stellvertreter, in diesem Fall auf dem Rücken ihrer Söhne Todd und Bart.

Die Darstellung von Ned und Homer als kindliche Seite des "Konflikts" zeigt sich besonders hübsch in ihrem Dialog vor dem Golfspiel:

Homer: This time tomorrow, you´ll be wearing high heels! Ned: Nope, <you> will. Homer: Fraid not. Ned: Fraid so! Homer: Fraid not. Ned: Fraid so! Homer: Fraid not infinity! Ned: Fraid so infinity plus one! Homer: D´oh!

Bart und Todd auf der anderen Seite stehen eher intuitiv auf der Seite der moralischen Instanz. Man beachte etwa jene Szene, als Homer Bart anleitet, mit einem Bild von Todd Hassen zu üben (Anklänge an 1984?), Bart dies aber beim Anblick des realen Todd schnell aufgibt. Letztlich treffen beide selbst eine Entscheidung, daß von außen indoktriniertes Wettbewerbsdenken und damit verbundener Stress sinnbefreit sind. Dies geschieht nicht über eine vom Autor zu konstruierte, out-of-character wirkende Moralität, sondern über eine simple (Kinder-)Einsicht:

Bart: This is pretty tense, isn't it, Todd. Todd: Yeah, my knees are shaking, I got butterflies in my stomach... But I guess this builds character. Bart: Who wants to build character? Let´s quit! Todd: Okay.

Und das Schöne an der Folge ist: es wirkt glaubwürdig und real. So bietet uns die Folge u.A. auch eine gut gelungene Charakterisierung des klassischen Ned Flanders, der zwar einerseits bereits religiös ist (wir sehen hier auch zum ersten Mal den Running Gag mit seinen ständigen Anrufen bei Lovejoy), andererseits jedoch auch noch als vielschichtiger Charakter erscheint und fähig zu real motivierten Emotionen ist. Und man stelle sich vor, der aktuelle S1x-Flanders hätte für Homer ein Fass importiertes Bier in seinem Hobbykeller.

Auch andere Charaktere zeigen diese Vielschichtigkeit, z.B. Marge, als sie die Familie für den Spott über Neds Brief rügt, sich aber auf dem Gang selbst ein Lachen nicht verkneifen kann. Auch Homers Rolle geht über die des verkindlichten Streithansels/rüden Vaters hinaus, indem er erklärt "Because sometimes the only way you can feel good about yourself is by making someone else look bad. And I´m tired of making other people feel good about themselves..."

Wir sollten auch noch zu einem Charakter kommen, der in der Folge keine allzu prominente Rolle spielt, jedoch wunderbare Szenen hat, nämlich Lisa. Ihr Zusammenspiel mit Bart in den gemeinsamen Szenen trifft perfekt ihren S2-Geist als Kind jenseits der Kindereien von Homer & Co, das sich jedoch niemals wirklich entfalten konnte. Sie drückt dies in mehreren kleinen Sätzen in der Folge aus, von denen ich nur als Beispiel folgenden Dialog zitieren möchte:

Bart: Hey Lis, whaddya call those guys in chess that don't matter. Lisa: Well, a blockaded bishop is of little value, but I think you're referring to a pawn. Bart: Right. I am a pawn. Lisa: Hmm... I know. It's times like this that I'm thankful Dad has little to no interest in almost everything I do. Bart, I think I can help you.

Man beachte auch die stetige Hilfsbereitschaft ohne Verbitterung über ihre Rolle in der Familie. Ihre Dialogzeilen in 7F08 sind sicherlich eines der schönsten Beispiele für "nebensächlicheren" Tiefgang in S2, ähnlich wie ihr seeliges "I reached him" in der Daredevil-Folge. Was für ein Unterschied zu platten "Listen people blablabla"-Moralitäts- Szenen aus aktuellen S1x-Karikatur-Lisa-Folgen.

Aber ich schweife ab. 7F08 ist eine Folge, die neben ihrem Inhalt auch eine große Menge an schönen, humoristischen Ideen zu bieten hat, welche allesamt durch die Charaktere und ihre Welt entstehen. Und neben ihren Ausflügen zur Zen-Philisophie wirft die Folge ganz nebenbei auch noch eine grundlegende theologische Frage auf, als Homer sagt: "It's no use praying. I already did the same thing, and we can´t <both> win." ;-)

Fazit: sehr schöne S2-Folge, in der man mehr Komplexität finden kann, als es der etwas generisch wirkende Storyansatz vermuten läßt. Gerade die Vielschichtigkeit der Charaktere (auch ihre Fähigkeit zu Emotionen jenseits ihrer Rollenbilder) und ein oft sogar nebensächlich wirkender Tiefgang sind sehr interessant. Weiterhin IMO nicht die beste S2-Folge, aber eine, die durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient.

Um Kommentare wird gebeten.

Chris