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Die Simpsons

Review von Joachim Moeglich

Die 7F06 ist die 21. gesendete Folge und die achte in der zweiten Staffel. Vieles ist noch ungeklärt, vieles ist noch neu. So ist bspw. in dieser Folge Dr. Hibbert das erste Mal zu sehen. Der grauhaarige(?) Junge, der neben Bart auf dem Sofa sitzt, wird hingegen nach dieser Episode nicht mehr zu sehen sein. Vieles im Hintergrund ist noch statisch oder einfallslos gezeichnet. So sitzen im Stadion hinter Lisa gleich zwei weibliche Statisten, die durchaus Lisas ältere Schwester hätten sein können. Offensichtlich hatte die damals ausführende Firma Klasky-Csupo damit so ihre Probleme. Dennoch gibt es auch schönes Hintergrundmaterial zu bewundern, wie die Risse im Putz der Simpsons-Küche oder das Eselsohr im Krusty-Poster. Die Animationen im Vordergrund hingegen sind schon auf deutlich höherem Niveau als noch in Staffel 1, steigern sich im Verlauf der zweiten Staffel sogar noch deutlich.

Die Folge beginnt mit einer schönen Sequenz. Wir sehen, wie zu einer Wrestling-Übertragung sich zum einen die Kinder im Simpsons-Haus (außer Lisa, die die ganze Zeit liest) und zum anderen die üblichen Verdächtigen in Moe's Bar (dort in schwarz-weiß) verhalten. Bemerkenswert hier die Schnitte zu den verschiedenen Situationen, in denen sich Homer und Bart identisch verhalten. Und so treffen sie sich schlußendlich nach der enervierenden Reklame (in der der Truckasaurus ein Auto in den Zähnen hat, welches in Farbe und Aussehen sehr an die übliche Simpsons-Limousine erinnert) beide vor dem Haus und rufen unisono: Truckasaurus! (Rabe: Brummisaurier!) Beim Abendessen (man achte auf die undefinierbare ekelfarbige Pampe) stellt sich heraus, daß der Plan, am Samstag zu der Veranstaltung zu gehen, durch ein ebenfalls an dem Tage stattfindendes Konzert von Lisa gefährdet ist. Herrlich hier Homers typische schnelle Emotionswechsel, die auch später bspw. auf dem Skateboard oder im Familiengespräch zu bewundern sind. Marge kann die Lage klären und so wechselt die Szene zum Schulkonzert.

Herrlich, welcher Ideenreichtum hier beobachtet werden kann. So ist die Musik wunderbar ausgewählt. Zuerst spielen die Kinder Schuberts Unvollendete, also seine 7. Sinfonie, die nur zwei Sätze hat. Franz Schubert wird von Rektor Skinner und Homer fälschlicherweise als Sherbert (Rabe: Schumann) bezeichnet, ist beiden also unbekannt. Dann spielt Todd ein Violinsolo aus der Oper von 1877 "Samson und Delilah" von Camille Saint-Saëns. Die Folge "Karriere mit Köpfchen" aus der zweiten Staffel, die als 16. Folge lief, heißt im Original "Simpson and Delilah" und ist eine direkte Anspielung auf dieses Stück. Das Violinstück heißt "Mein Herz an Deiner süßen Stimme". Das beste ist aber das abschließende Stück, Tschaikowskys "Ouvertüre 1812", ein Auftragswerk des Zaren, welches zum 70. Jahrestag des Sieges der Russen unter Kutusow über Napoleon in Moskau 1872 uraufgeführt wurde. Dieses herrliche Stück (obwohl Tschaikowski es nie recht mochte) bietet alles, was das Herz und das Ohr begehren. Großes Orchester mit vielen Bläsern, großen gemischter Chor und ein fulminantes, unvergleichliches (und nicht enden wollendes) Finale mit Kanonenschüssen und Kirchenglocken. Es fehlen eigentlich nur die Düsenjäger, die die Landesfarben an den Himmel malen, aber die gab es 1872 ja noch nicht. Die Schallplatte von Telarc gilt bis heute als Referenz, wenn es um die Belastbarkeit von Musikanlagen geht. Ich besitze eine SACD von dieser Ouvertüre. Auch sie ist eine echte Herausforderung für eine gute Anlage.

Alle genannten Stücke sind herrlich ausgewählt und auch wunderbar visualisiert. Nett, wie Mr. Largo, der Musiklehrer das Orchester anweist und dirigiert. Und selbstverständlich sind alle genannten Stücke anspruchsvolle Werke, die sicher nicht von einem Grundschulorchester gespielt werden können. Und ob Kinder Kanonen in der Aula abfeuern dürfen ist auch sehr fraglich.

Endlich ist das Konzert vorbei und die Simpsons eilen ins Stadion. Auf der Fahrt zum Stadion summt Homer noch das Motiv aus der Ouvertüre weiter. Schön hier auch die Details. So sieht man Homers Augen in den Rückspiegeln, wie sie sich nach links und rechts wenden. In einem überholten Auto sitzt der Jazzmusiker BGM. Überhaupt die Details: auf der Rückfahrt von der Veranstaltung werden die Simpsons von einem blauen Auto überholt, in welchen Waylon Smithers sitzt. Das geht so schnell, daß man das wirklich nur im Standbild nachprüfen kann. Oder Maggie, die in dieser Folge ständig heimlich ihr Essen zu Boden fallen läßt. Oder die Szene, in der Homer die Fensterheber (eigentlich hat das Auto keine) betätigt, um sich vor den Flammen des Truckasaurus zu schützen. Oder Homer, der sich mit dem Sektkorken der halben Flasche Sekt, die die Familie als Entschädigung für den "Angriff" des Truckasaurus bekam, die Zähne reinigt. Oder Wendell, dem im Bus mal wieder schlecht ist. Oder Marge, die die Schadenszahlung in ihrer Hochfrisur deponiert. Das ist Liebe zum Detail, die man heutzutage dem seichten Späßchen opfert doch ich schweife ab.

Im Stadion wird schon Lisas feministische Einstellung kurz sichtbar, indem sie stolz ist, daß bei der Veranstaltung auch eine Frau auftritt. Dies schreit sie allerdings der Frau so laut zu, daß Maggie deswegen umfällt. Schließlich kommt der Höhepunkt der Veranstaltung, der Auftritt von Captain Lance Murdoch. Die Figur des Captain Murdoch ist selbstverständlich eine Hommage an Evil Knievel, der seit den 1970er Jahren Weltruhm durch seine gewagten Motorradsprünge erlangte und sich bei dutzenden Unfällen mehrfach alles brach, was am menschlichen Körper kaputtgehen kann. Captain Lance Murdoch wird von Dan Castellaneta in hoher Qualität gesprochen. Nun geht es um den Todessprung über das Wasserbassin, welches Haie, Zitteraale (man achte auf die mehrfach zu hörenden elektrischen Brizzelgeräusche), Piranhas und Krokodile und selbstverständlich den König des Dschungels, einen grausamen Löwen enthält. Bei der Szene, in der der Löwe ins Bassin gekippt wird, bekam ich beinahe einen Lachanfall, der auch nicht gemildert wurde durch die kommenden Szenen, in denen der Löwe wie selbstverständlich im Wasser seine Kreise zieht und den gestrauchelten Todespiloten schließlich ins Wasser zerrt (eine schöne Referenz auf den weißen Hai nebenbei bemerkt).

Bart träumt nun von nichts anderem als auch Todesfahrer zu werden. In seinem Traum erscheint der abgewandelte Spruch des Ansagers: "... when he's not in class, he's risking his ass." Das war das erste Mal in einer Zeichentrickserie aus den USA, in der das verbotene Wort für den verlängerten Rücken genannt wurde. Wenn auch nur im Traum, war das in den prüden und bigotten USA selbstverständlich ein ausgewachsener Skandal, der aber sicher der Popularität der Serie nicht geschadet hat.

Bart trainiert nun mit seinem Skateboard gewagte Sprünge. Gleich beim ersten Versuch scheitert er und verletzt sich. Seine Freunde verkrümeln sich, ohne Hilfe zu leisten. Diese Szene beruht auf einer wahren Begebenheit. MGs Schwester widerfuhr als Kind das Gleiche, wie er im Audiokommentar an dieser Stelle erwähnt. Dr. Hibbert, wie oben erwähnt, sein erster Auftritt, zeigt der Familie die Station der verunglückten Möchtegernhelden, betont aber, daß diese Opfer gerechtfertigt seien für Stunden und Stunden von Spitzenunterhaltung, ein herrlicher Seitenhieb auf die Mediengeilheit der Amerikaner. Nett auch der Satz: "I won't even subject you to the horrors of our Three Stooges ward." Für die jüngeren Leser: die drei Stooges (Rabe: Dummer August) sind antiquierte Vorläufer von Jackass. In dieser Szene wird auch erstmals Marges Interesse am Einfluß des Fernsehens auf Gewalttätigkeit gelenkt. Diesem Thema widmet sich die folgende Episode 7F09 "Itchy & Scratchy & Marge" (dt.: Das Fernsehen ist an allem Schuld), eine der besten Episoden der ganzen Serie. Unbeeindruckt von den Warnungen übt Bart weiter und meistert schließlich immer aufwendigere und gefährlichere Sprünge. Auf der Suche nach der ultimativen Herausforderung entdeckt er die Springfield-Schlucht und verkündet allen Kindern, über diese Schlucht mit seinem Skateboard zu springen. Der einzige Erwachsene, den er zu diesem Thema konsultierte war Busfahrer Otto, der auch in dieser Episode seinen ersten größeren Auftritt hat. Sein Kommentar zu Barts Kommentar? "Cool!"

Nebenbemerkung: Auch Evil Knievel wollte einen spektakulären Sprung über eine gewaltige Schlucht im Hells Canyon wagen. Er scheiterte jedoch, den Sprung (allerdings über den Great Canyon) führte später sein Sohn durch.

Nachdem Lisa beim Abendessen (wieder diese undefinierbare Farbpampe) von Barts irrwitzigen Vorhaben berichtete, hängt der Haussegen schief. Bart ist störrisch, Homer hilflos. Marge vermittelt und schließlich findet das Männergespräch statt, bei dem Bart verspricht, nicht zu springen. Hier ist die Antwort Homers auf Barts erstes Versprechen schön: "D'Oh! Bart, this isn't one of those phony-baloney promises I don't expect you to keep!" So ein Satz zeigt Welten auf.

Nun kommt die Schlußsequenz. Bart bereitet sich auf seinen Todessprung vor. Alle Kinder, Mädchen wie Jungen, haben sich an der Schlucht versammelt, um sich Barts Sprung anzuschauen. Und er kommt tatsächlich. In letzter Sekunde kann Homer den Sprung verhindern und greift selber zum Skateboard. Nach einer rührenden Szene, in der das Vater-Sohn-Verhältnis zurecht gerückt wird und die dadurch Geschichte schrieb, ist Bart zur Vernunft gebracht.

Doch es wären nicht die Simpsons, wenn damit die Szene abgeschlossen wäre. Ein Skateboard, Homer, eine tiefe Schlucht, die zufälligerweise eine glatte Steinrampe hat, das muß ausgenutzt werden. Und so startet Homer, wenn auch unfreiwillig, zum Sprung. Da werden Erinnerungen an While E. Coyote wach. Selbstverständlich mißlingt der Sprung und Homer erleidet einen grauenhaften Sturz in die Tiefe, in der er blutüberströmt liegenbleibt. Während seiner dramatischen Rettung geht auch alles schief und es findet das statt, was heutzutage unter "sinnlose Huumerquälerei" bekannt ist, damals aber durchaus witzig war. Den zweiten Absturz nach dem Unfall des Krankenwagens ersparen uns die Macher in dieser Folge noch. Man kann ihn aber in der Episode "So It's Come To This - A Simpsons Clip Show" (dt.: Nur ein Aprilscherz) in voller "Schönheit" genießen.

Damit ist eine frühe, spaßige Episode mit nicht allzu aufdringlich angehängter Moral zu Ende. Im Audiokommentar wird erwähnt, daß nicht ein Kind durch die Episode auf die Idee kam, mit seinem Skateboard solchen Unsinn wie Bart anzustellen, lediglich ein Kind habe sich verletzt, als es die Skateboard-Szene aus dem Vorspann nachstellen wolle.

Noch ein paar Anmerkungen zur Synchro, für die ja in Staffel zwei noch Siegfried Rabe verantwortlich zeichnete:

Die Fehler und Freiheiten halten sich Grenzen. Teilweise sind Rabes Ideen sogar bissiger als das Original.

Beispiele:

Original: Milhouse: My seat!

          Bart: Correction - was your seat.

Synchro: Bart: Weggegangen - Platz gefangen!

Drückt IMO besser das Kindliche aus.

Original: Marge: "...little truck game" Synchro: "... blöde Brummishow"

Etwas härter, drückt aber das Verhältnis Frauen-Technik nett aus.

Original: Otto: "Hey, this thing's pretty gnarly. I bet you could throw a dead body in there, and no one would eeeeever find it."

Synchro: Otto: "Wenn du da 'nen Totengräber runterwirfst, findet der nur seine eigene Leiche."

Zwar ein völlig anderer, wenn überhaupt, Sinn, aber auch eine gute Verdeutlichung, wie tief die Schlucht ist.

Ansonsten nervt mittlerweile das "Huumer" von Elisabeth Volkmann sehr.

Fazit: Solide Folge mit sich häufig entfaltendem Potential, die zeigt, welche Wege die Serie beschreiten wird mit vielen Klassikern und 1A-Lachszenen. Es ist eine der ersten Episoden, die ich sah und über die ich mich noch zu ZDF-Zeiten schon kaputtlachte.