ULOC-Logo      
ULOC-Suche

 
Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Als eine der ersten Folgen in der 2. Staffel Anno 1990 und als Begründer einer langen und zum größten Teil gelungenen THOH-Tradition verdient die Folge natürlich besondere Beachtung und kann auch heute trotz ihrer leiseren Jokes und des "altmodischen" Stils noch begeistern - IMO sogar weit mehr begeistern als manch platte und nur auf puren Blödsinn ausgelegte aktuelle Folge.

Zum Einen funktioniert die Folge in ihrer Aufteilung in 3 Einzelgeschichten hervorragend. Die Rahmenhandlung mit den Kindern im Baumhaus ist sehr gut gemacht und hält an der Kontinuität der Serie fest und alle drei Teil-Episoden holen das Beste aus ihrer kurzen Laufzeit heraus und wirken nicht handlungsleer und aprupt zu Ende gebracht. Jede der Teilgeschichten befaßt sich mit einem anderen Genre (Geistergeschichte, Science-Fiction, Klassischer Grusel) und vermeidet es gekonnt, daß irgendein Familienmitglied die Handlung an sich reißt und die Geschichte dominiert. Während in der ersten Teil-Ep die ganze Familie in etwa gleichwertig involviert ist, fokussiert die zweite Episode zwar mehr auf Lisa und die dritte mehr auf Homer (in der Rolle des Poe-Protagonisten) aber keiner der Charaktere dominiert eine Geschichte in störender Weise.

Die erste Teil-Ep ist als Parodie auf die Poltergeist- und Amityville-Filme unterhaltsam und düster- gruselig zugleich (ein Großteil der Messer/Axt?-Szenen wurde übrigends von Sky aus der britischen Fassung herausgeschnitten, da es den Zensoren zu gewalttätig erschien.) Das unerwartete Ende in dem sich das "böse" Haus selbst zerstört um nicht mit den Simpsons leben zu müssen, ist brilliant, speziell Lisa´s genialer Kommentar "One can´t help but I feel a little rejected."

Die zweite Ep befaßt sich mit dem SciFi?-Genre und führt Kang und Kodos in die Serie ein. Einige sehr gute subtile und leisere Jokes ("Your wife is quite a dish", Pong-Spiel, Blickwinkel mit den Köpfen auf den Tellern) und die nach vor geniale "How to cook for Forty Humans" zeichnen diesen Teil aus, ebenso der unerwartete Schluß der jede vorherige Vermutung über den schlechten Charakter der Außerirdischen völlig auf den Kopf stellt.

Das absolute Highlight der Folge ist natürlich "Der Rabe" der der Folge wirklich das Kultklassiker-Potential verschafft. Im Deutschen zwar auch recht gut übersetzt aber müde vorgetragen, im Englischen jedoch (speziell im Dunkeln bei voller Lautstärke) einfach nur brilliant, sowohl bezüglich Text als auch bezüglich Atmosphäre und Ausdruck - es gibt nur sehr wenige Folgen in denen Homer in seiner Wut und Trauer eine solche Gefühlstiefe erreicht. Ein derartig düsteres und symbolhaftes Gedicht über die Dunkelheit und die Abgründe der Seele in einer unterhaltsamen Zeichentrickserie zu bringen war auch eine interessante Idee der damaligen Autoren und speziell durch den Bart-Raben und das gut plazierte "Eat my Shorts" wird das Gedicht aufgelockert ohne jedoch seine Düsternis wirklich zu verlieren. Ein zeitloses Meisterwerk von Sam Simon und Edgar Allan Poe.

Man darf auch die Rahmenhandlung nicht übersehen, die damit beginnt daß der verkleidete kindliche Homer von einer Halloween-Tour zurückkommt und sich mit den Worten "I love Halloween" über seine Ausbeute freut. Im Laufe der Handlung wandelt sich seine Freude jedoch in Angst und während die Kinder am Schluß problemlos einschlafen, ist Homer von den Geschichten derartig verängstigt daß er nicht ohne Licht schlafen möchte und die Episode mit den Worten "I hate Halloween" beendet, was seinen normalen Charakter wunderbar wiedergibt. Marges Satz "They are just children´s stories. They can´t hurt you" ist ein gutes Beispiel für ihre Mutter-Rolle gegenüber dem großen Kind Homer, der als Erwachsener nun mehr Angst hat als die eigenen Kinder.

Die Animation der Folge war natürlich noch im Staffel-2-Stil, hatte aber trotzdem einige sehr schöne Highlights wie z.B. die Selbstzerstörung des Hauses oder die Farbgebung an Bord des Raumschiffs und natürlich auch die symbolhafte Darstellung von Licht und Schatten in der Poe-Episode. Kang und Kodos sahen hier auf jeden Fall besser aus als das detaillose Gekritzel in THOH X (eine Folge die die beiden noch dazu als dumme Clowns benutzt.)

Fazit: zu der Zeit von THOH I lief die Serie noch nicht einmal ein Jahr und war noch immer dabei ihren wahren Stil zu finden, wobei diese Folge einen Meilenstein in diesen Bemühungen darstellt. Geniale Handlung, Charakterisierung und Strukturierung, die in einigen Belangen in dieser Form nie wieder erreicht wurden. Die Folge ist auf jeden Fall ein Meisterwerk in allen Kriterien und es ist traurig sie mit einigen der heutigen oberflächlichen "Machwerke" zu vergleichen. Die Simpsons haben damals ihren wahren intelligenten Stil gefunden und damals glaubte vermutlich auch niemand, daß sie ihn für ein paar billige Jokes und Cartoon-Gags wieder verlieren würde.

© by Chris Pfeiler