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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Hier ein Review zur IMO zweitbesten Politsatire, 7F01 "Two Cars in Every Garage and Three Eyes on Every Fish" (nur "Sideshow Bob Roberts" aus S6 ist besser.)

Im Folgenden nur eine kurze Betrachtung einiger Aspekte der Folge, eine detaillierte Betrachtung wäre weit umfassender, da es in der Folge sehr viele satirische Elemente und Szenen gibt. Die Ep fällt auch durch viele Referenzen zu "Citizen Kane" auf. Weitere Kommentare sind natürlich wie immer willkommen.

7F01 ist eine Folge, bei der man die Charaktere durchaus stärker als klare Manifestationen von Ideologien betrachten sollte, um interpretatorisch voran zu kommen. Das heißt nicht, das es immer sein muß, es gab vor allem in S2-Episoden oft eine astreine Balance zwischen Ideologie/Persönlichkeit? (ich schließe mich also nicht der Subversionsbuch-Theorie an.)

Die Folge zeigt IMO besonders gut, das die Serie ihre wahre Klasse nicht durch dumpfen visuellen Unfug nach S1x-Cartoonregel 08/15 erreichen kann, sondern durch eine brillante Darstellung der sozialen Akzeptanz satirischer Absurdität *und* durch eine gut ausbalancierte Abstrahierung der Realität.

Sehen wir uns die Konzepte der Episode einmal genauer an.

Die soziale Akzeptanz von Absurdität zeigt sich vielleicht am deutlichsten in Montys TV-Wahlwerbung im Fernsehen. Bereits am Anfang zieht er - für alle laut hörbar - über seine Wähler her ("By the time this paid political announcement is done, every Johnny Lunchpail in this whole stupid state will be eating out of my hands") und doch ist dieser arg grobe Ausrutscher am Ende des Spots bereits wieder von den Wählern vergessen. Sein Gespräch mit einem "actor portraying Charles Darwin" ist ein kleines Meisterstück der Dialogsatire und wird trotz (oder gar wegen?) der offensichtlichen Sinnleere von vielen Wählern begeistert aufgenommen.

Burns ist zwar aktiver Auslöser, wird aber im Laufe der Handlung zu einer passiven Schachfigur im Spiel seines Wahlkampfteams, deutlich in seinen ständig wiederholten Phrasen wie z.B. "bureaucrats in the state capital". Er sagt das, was Wähler hören wollen *und* er sagt das, was ihm sein Team zum sprechen vorbereitet hat. Und es funktioniert, die Wähler folgen seinen Phrasen. Mary Bailey sagt "My worthy opponent thinks that the voters of this state are gullible fools. I, however, prefer to rely on their intelligence and good judgement", worauf ein Reporter erstaunt "Interesting strategy" erwidert.

Der Titel "Two Cars in Every Garage..." bezieht sich auf einen Wohlstandsslogan der 50er Jahre und ist im Kontext zur Handlung auch als Ironie zu betrachten. Die Wähler sind selbstverständlich auf Wohlstand (und Einfachheit) aus, und darauf, das die Dinge so bleiben, wie sie sind. Und wenn zwei Autos in der Garage stehen und der Wohlstand stimmt, dann kümmert es nicht, ob Fische drei Augen haben. Monty geht es aber nicht um Wohlstand für andere, ihm geht es nur um Wohlstand für sich selbst.

Die Abstrahierung zeigt sich besonders deutlich in der zugrundeliegenden Absurdität der gesamten Situation - Burns hat keinerlei politisches Programm neben seinen standardisierten Phrasen, es wird niemals eine Partei erwähnt, selbstverständlich bleibt sogar die Identität des Staates, in dem er Gouverneur werden will, völlig unklar. Die Folge ist bei tieferer Betrachtung also weniger ein Spiegelbild eines realen Wahlkampfes, sondern eine satirische Abstrahierung desselben.

Die überzogen wirkende Naivität der Wähler gegenüber leeren Phrasen und Manipulation (durch Medien und Beratungsteams) und das allgemeine "Nichterkennen" von Montys wahren egoistischen Intentionen, sowie Marges und Lisas durchaus stilisierte Aufgabe als "Gegenpol" und viele weitere Details sind im Grunde klassische Beispiele für eine satirisch abstrahierte Realität, die trotzdem genug Balance zur wahren Realität hat (Wiedererkennungswert) um ihre konkrete Wirkung zu erzielen.

Wir können sagen "Die Folge ist zwar deutlich abstrahiert, aber sie reflektiert Realität bzw. wirkt in ihrer Abstrahierung nicht als Verzerrung, sondern als satirische Betonung."

Am Ende versagt das von den Wahlkampfstrategen aufgebaute "Konstrukt" Gouverneur Burns und die Schachfigur Burns wird vom Team desinteressiert fallengelassen, was ihn aus seiner passiven Rolle wieder zurück in eine zwar aktive, aber auch verzweifelte Position bringt. "You can´t do this to me. I am Charles Montgomery Burns..." Nachdem die Fassade vom freundlichen Gouverneur des kleinen Mannes gefallen ist, zeigt sich am Ende (ohne Team und Strategen) seine wahre Sicht der Dinge.

"This anonymous clan of slack-jawed troglodytes has cost me the election, and yet if I were to have them killed, I would be the one to go to jail. That's democracy for you."

Die Folge zeigt auch deutlich die Beständigkeit klassischer Satire der Serie - die Gültigkeit der Folge ist heute genauso hoch und ihre Aussage genauso klar wie 1990 und sie wird auch in 20 Jahren noch als satirische Betrachtung von Wahlen und Wahlverhalten herausragend sein. Das ist ein klarer Unterschied zur popkulturellen "was-jetzt-lustig-ist"-Orientierung von S1x. Eine Satire über Leben und Gesellschaft hat Bestand, eine kewle N´Sync-Glorifizierung nicht.

Ich habe die Folge lange nicht mehr auf Deutsch gesehen, daher kann ich zur Synchro jetzt nicht viel sagen. Keine groben IVARs, dafür etwas Eindeutschung von Meister Rabe, würde ich mal tippen.

In diesem auffallend kurzen Review wurden jetzt (teilweise wohl absichtlich) nur einige Aspekte gestreift, weitere Meinungen und Kommentare zur Folge wären daher interessant. Auf jeden Fall eine Folge aus der großen Zeit der Serie und sicher Lichtjahre über dem Niveau von S1x. Note A+.

© Chris Pfeiler