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Die Simpsons

Review von Joachim Möglich

Anfangs mochte ich diese Folge nicht besonders. Vor allem der krude Schluß stieß mir bitter auf. Insgesamt ist diese Episode vielleicht auch eher den "moderneren" Simpsons zuzuordnen. Doch ist sie selbstverständlich um ein Vielfaches niveauvoller, gehaltvoller und tiefgründiger als jede beliebige >S10-Folge. Aber in der 9. Staffel, zu der diese Folge gehört stellt sie auch sicher mehr als nur Durchschnitt dar. Und nachdem ich diese Episode mit Florian, Tim und Sebastian mehrfach bei mir ansah und sie auch des Öfteren im Auto anhöre, stelle ich fest, das sie ein Review verdient hat, was sie an dieser Stelle auch bekommen soll.

Ganz allgemein nimmt sich "5F09 - Trash of the Titans" der Umweltproblematik und der Kommerzialisierung der Gesellschaft an. Interessant ist für den (mitteleuropäischen) Zuschauer die offensichtliche Ignoranz und das Unverständnis der Bewohner der USofA für Umweltproblematik und die Selbstverständlichkeit, ja Ergebenheit in die Kommerzgesellschaft. Auf Letzteres steuern wir in Deutschland seit Jahren in immer größeren Schritten zu. Die USofA sind dennoch eine in viel höherem Maße kommerzialisierte Gesellschaft mit deutlich anderem Konsumverhalten und einer für unsere Sichtweise kaum verhandenen bzw. eher seltsamen Umweltpolitik, das dürfen wir nicht vergessen.

Der eher außergewöhnliche Einstieg in die Episode beginnt in einer typischen großen Industriefirma, deren Vorstand in voller Hörigkeit all das macht, was der Boss, der übrigens sehr Rupert Murdoch ähnelt, sagt. So wird der kopflastige Vorschlag, einen "love day" für die feiertagslose Zeit zu schaffen, um Übriggebliebenes zu verramschen, 1:1 ohne Nachfrage und Änderung oder eben Prüfung, ob es sich lohnt, übernommen. Dieses Phänomen begegnete uns schon in der "Poochiefolge", in der das kommerzielle Ziel allerdings nicht erreicht wird. Ganz anders in der zu besprechenden Folge. Trotz der oft gezeigten Geldsorgen von OFF und der sonst gezeigten Sparsamkeit von Marge, gibt diese viel Geld aus für umgelabelte Kampfbären bzw. Halloweenartikel (Halloween ist übrigens ein erst seit ca. 5 Jahren existierendes Kommerzwunder in Deutschland). Gekrönt wird der Ramsch durch küssende Frösche und eine windeltragende Bärengruppe im Garten, die das Lied "Love will keep us together" von "Captain & Tennille" aus dem Jahre 1975 auf Streichinstrumenten spielt. Gut dargestellt ist die offensichtliche Lieblosigkeit und Oberflächlichkeit dieses Pseudofeiertages.

Gekonnt und liebevoll wird nun auf die eigentliche Thematik geführt. Der entstandene Verpackungsmüll und alle Geschenke (guter Seitenhieb auf solche bedeutungslosen Feiertage ohne eigentliche Wertschätzung, man denke nur an die Szene, in der "Sir Love's a lot (Lanzelot)" von Homer in die Tonne getreten wird) wandern in den Müll. Man sieht Szenen, die jeder aus seiner Kindheit kennen sollte, Streit um den Müll, wer ihn hinauszutragen hat, wann ein Mülleimer voll ist, erfinderischste Ausreden und Ausflüchte, und das Ganze nur, um sich vor der knappen Minute Arbeit zu drücken, den Eimer zur Tonne zu tragen.

Lisa: It's full, Dad, that means you have to take out the trash.
Bart: Yup, that's the rule. "He who tops it off, drops it off."
Homer: Nuh-uh. "It isn't filled until it's spilled."

Die Situation gipfelt darin, daß Homer, der den Streit ums Müllrausschaffen verliert, die Müllabfuhr beleidigt (trasheating stinkbags) und es zum Streit zwischen ihm und der städtischen Müllabfuhr kommt. Genial hier der Dialogausschnitt:

Müllmann: Haven't you any learnt from loveday?
Homer: That was yesterday, moron.

Im Folgenden wird stark übertrieben gezeigt, was für Konsequenzen es hat, wenn es keine Müllabfuhr mehr gibt und man den Müll einfach vor die Haustür schmeißt. So bekommt Bart die Krätze, eine wirre Alte lebt im entstandenen Müllberg, die Ratten werden durch feinen Speck von den Kindern abgelenkt usw.. Ein Aspekt sei hier noch hervorgehoben. Der Windelberg, auf dem Todd Flanders herumkrabbelt, ist durchaus ein ernstes Problem. Die heute gängigen "P*mp*rs" kosten nicht nur ein Heidengeld, sondern belasten besonders stark die Umwelt, da sie aus fast allen Müllsorten bestehen. (Zellulose, Plastik, Gummi, diverse Beschichtungen und natürlich die aufgenommenen biologischen Abfälle des Windelträgers). Bei nur 3 Windeln pro Tag, kommt nämlich pro 14tägiges Abholintervall pro Windelträger ein Berg von 42, recht großvolumigen, nicht komprimierbaren Abfallwindeln zusammen, ein wahrer Berg an Müll, über den man sonst gerne schweigt.

Durch Marges schriftliche Entschuldigung bei Springfields Verantwortlichen für Stadtreinigung Ray Patterson wird diese unhaltbare unhygienische Lage beendet. Doch Homer läßt sich das nicht bieten und zieht in den Kampf wie "David gegen Goliath, nur daß diesmal David gewinnt!" ;-) (ROTFL über Lisas Gehirn: "Oh, I know, I heard it too. Here's some music. [Beethovens "Für Elise" erklingt]).

Ray Patterson wird vom Schauspieler Steve Martin gesprochen und dadurch auch von anderen Charakteren deutlich hervorgehoben. Mir ist Steve vor allem noch als Dr. Michael Hfuhruhurr (sic!) in dem arg seltsamen Film "Der Mann mit den zwei Gehirnen" in Erinnerung. Homer hat diesem braven Beamten nichts entgegenzusetzen außer seine offensichtliche Inkompetenz und das Schütteln des Vogelkäfigs, das IMHO etwas übertrieben gezeigt wurde. Unnötig an dieser Stelle IMO auch die Füllszene mit der Schlange mit den Triebtätern, in der Patty und Selma stehen und zu denen sich Moe gesellt.

Im Folgenden startet Homer einen persönlichen Feldzug gegen Ray Patterson und bewirbt sich selbst als neuer Stadtreinigungsbeauftragter. Seine Werbeversuche per Auto und vor dem SNPP sind nicht gerade von Erfolg gekrönt. So beschließt er den großen Coup und schmuggelt sich in ein großes Rockkonzert. Als "Potatoman" kann er übrigens deshalb so problemlos hineingelangen, da der Manager der auftretenden Supergruppe U2 und Ire Paul McGuinness sich bestimmt an die große Hungersnot der Iren erinnert (1845-1850, führte zur starken Auswanderung von Iren in die neue Welt).

Eine weitere Referenz darauf findet man kurze Zeit später, als der Sänger von U2 Bono sagt: "Wow, look at him go. You're the real Lord of the Dance, Homer". Das überaus erfolgreiche Stück "Lord of the Dance" thematisiert nämlich auch die Auswanderung der Iren in die USofA, hervorgerufen u.a. durch die Hungersnot, vor allem mangels Kartoffeln. Der Auftritt der Gaststars U2 wirkt in dieser Folge überhaupt nicht deplaziert, wie leider viele andere Gastauftritte in letzter Zeit (begonnen hat alles mit Mel Gibson). Im Gegenteil: die in der Außenwirkung immer so guten und lieben U2, die sich unermüdlich gegen Apartheit, für den Weltfrieden usw. einsetzen, nehmen sich gut selber auf die Schippe durch das teilweise Zeigen ihrer Hintern, durch offensichtliche Unstimmigkeiten innerhalb der Band, Aufzeigen von Marotten (Löffelsammelleidenschaft) und nicht zuletzt das Verwenden unflätiger Worte (*rsch, W*chs*r).

Gekrönt wird das Ganze durch eine der krassesten Szenen, die je bei den Simpsons gezeigt wurde. Ich meine das Zusammenschlagen von Homer, der nach Bono jammert, durch die Sicherheitsleute von U2 (Bono: "Don't worry, folks. He'll get the help he needs.") in Totalansicht zu den Klängen ihres Welthits von 1984 "Pride (in the name of love)". Allein wegen dieser Szene ist 5F09 immer wieder ansehenswert.

Die Idee zum Sieg über Ray Patterson wird in Moes Bar gelegt, wo das platte Motto: "can somebody else do it" geboren wird. Das Verhalten von Moe, als Homer nicht bezahlen möchte paßt dann auch viel besser zu seinem Charakter als der oben erwähnte Auftritt. Überhaupt funktionieren die Charaktere, wie es sich gehört. Beispielhaft sei an dieser Stelle Flanders erwähnt.

Auf dem letzten Rededuell vor der Wahl zum Stadtreinigungsbeauftragten zwischen Patterson und Homer werden noch einmal alle Register des üblichen Wahlkampfes gezogen. So wird in einer Minute seitens Homers jedes unfaire Mittel gegen seinen (politischen) Gegner angewendet (Verleumdung, faslche Versprechungen, versuchter Mord, Verhöhnung, Lügen). Der aufrichtige Appell Ray Pattersons an die Vernunft der Wähler macht im Versammlungslokal sichtlich Eindruck. Dennoch, wie im richtigen Leben, entscheidet sich die Mehrheit für den Heuchler und Gaukler, das Windei, den Versager.

Homer schafft es nun, binnen eines Monats seine sinnlosen und finanzintensiven Versprechungen in die Tat umzusetzen und so ein augenwischerisches Paradies zu schaffen. Müllautos, die zu Wasser und zu Land funktionieren, schneeweiße Uniformen mit goldenen Epauletten für die Arbeiter usw. fressen das Jahresbudget in einem Monat auf. (They let me sign checks with a stamp, Marge! A stamp!) Dennoch, und das ist rührend, steht seine ganze Familie voller Stolz zu und hinter ihm. Aufkommende Zweifel werden durch die herrliche Musicaleinlage zu den Klängen von Sammy Davis Jr. "Candy Man" aus dem Jahre 1972, das als "Garbage Man" parodiert wird, ausgeräumt. Auf der SITKOS-CD kann man übrigens eine spezielle Version dieses Liedes mit einer extra Milhousestrophe hören. Mich störte an dieser Einlage nur der Auftritt des grünen Sesamstraßenmonsters Oscar. Dieser ist an dieser Stelle völlig unnötig und sorgt nur für den "schnellen" Lacher, den die Simpsons in früheren Staffeln bestimmt nicht nötig hatten und auf den sie auch bewußt verzichteten, was für mich auch aus heutiger Sicht noch ein hohes Qualitätskriterium ausmacht. Da fällt es schon geringer in's Gewicht, daß neben Oscar auch Moe und Flanders und Apu aus den Tonnen schauen.

Ironischerweise ist es ausgerechnet Lisa, die aus Versehen und völlig anders gemeint Homer einen Rat gibt, mit dem er die Krise bewältigt. Durch Annahme des Mülls aus anderen Städten kann er die Finanzkrise meistern und sichert sich damit das Vertrauen von Bürgermeister Quimby, der ja in Sachen Korruption sicher nicht unbewandert ist. Wo wir schon bei Quimby sind, sein Charakter funktioniert nicht nur wie gewohnt (tolerierte demokratische Korruptheit (Reaktion auf klickende Geldkoffer), offensichtliche Inkompetenz und Faulheit), sondern wird dadurch erweitert, daß er sich ausnahmsweise wirklich um die Belange der Stadt kümmert, indem er bspw. Homer zur Rede stellt, ein Verhalten, daß für Quimby eher ungewöhnlich ist.

Natürlich bleibt das Verbringen soviel zusätzlichen Mülls aus anderen Orten (hier auch eine gute Parodie auf Drogengeld und Drogenmißbrauch) nicht ohne Folgen.

Natürlich schreien nun all Diejenigen, die vor Kurzem begeistert Homer Simpson wählten, wieder nach Ray Patterson. (Man kann statt dessen hier in D je nach gusto auch CDU, SED, Kaiser Wilhelm setzen). Ray Patterson sagt dazu in seiner sehr kurzen Rede: "Oh...oh, gosh...you know, I'm not much on speeches, but it's so gratifying to leave you wallowing in the mess you've made. You're screwed, thank you, bye." Eingerahmt wird das Ganze von Quincy Jones' Thema zur Serie "Sanford und Son" aus dem Jahre 1972. Da mir diese Serie unbekannt ist, kann ich nicht sagen, wieso man dieses Thema wählte, vielleicht weiß ja jemand mehr dazu. Auf jeden Fall paßt es überhaupt nicht. Da Ray Patterson nicht bereit ist, die Stadt zu retten, greift man zu Plan B. Die gesamte Stadt zieht ein paar Meilen weiter und alles ist wieder geregelt und der Müll bleibt sich selbst überlassen.

Dieser auf den ersten Blick üble Schluß, verstärkt durch die klischeehaften Navachoindianer hat es ziemlich in sich. Ich möchte ihn fast mit dem Ende von "The Day the Violence died" vergleichen, bei dem Lester und Eliza ja bis heute eher Verwirrung als Erkenntnis stiften. Nach mehrmaligen Anschauen dieser Folge bin ich zu dem Schluß gelangt, daß jeder andere Schluß schlechter wäre als dieser. So erkennt man, daß dieser Weg nicht gangbar ist, Probleme so garantiert nicht gelöst werden können und wird gezwungen, sich selber Gedanken über evt. Lösungen zu machen, ein Aspekt, den viele klassische Simpsonsfolgen haben und weswegen ich sie so mag.

Im Abspann darf U2 noch einmal herumalbern und Burns bedient sich, völlig untypisch für ihn, der Vulgärsprache. Ein netter Gag, der durch die Meldung über Linda McCartneys Tod überschattet wird. Linda starb 56jährig im April 1998, dem Zeitraum der Erstausstrahlung dieser Episode und war nicht nur Frau Paul McCartney, einem der Beatles und Bandmitglied der "Wings" sondern auch in der siebten Staffel Gaststar bei Apu im Dachgarten, wo sie als eine der prominentesten Vegetarier Lisa bei derem Vegetarismus unterstützte.

Wenn also in 9 Wochen sich die Regale unter Weihnachtsmännern, Glaskugeln, Lametta, Kunstschnee, Printen, gefüllten Schokoherzen, Dresdner Stollen usw. biegen, wenn Politiker großartige Versprechen für ihre Bürger machen und dann doch nur ihre Diäten anpassen, wenn man über Drogenproblematik heuchlerich diskutiert und deren Ursachen ignoriert, wenn man einen Bleistift kauft und dazu 10x soviel Verpackung, wenn man..., dann kann man auch ruhig einen winzigen Gedanken an diese Folge verschwenden und sich einen klitzekleinen Gedanken um sich, sein Umfeld, seine Umwelt machen. Und damit man nicht trübsinnig wird, erinnert man sich einfach an die vielen guten Gags und Dialoge dieser Folge und dann geht es wieder weiter.

Ich hoffe sehr, daß ich mit diesem Review auch Verächter dieser Folge *zuCPschiel* wenigstens dazu überrede, liberaler über diese Folge zu denken. Kommentare sind sehr willkommen.

© Joachim Möglich