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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler (veröffentlicht am 02.06.2001)

Die Folge ist IMO eine sehr uneinheitliche Mischung und dadurch recht schwer zu bewerten, da Licht und Schatten hier ziemlich nah beisammen liegen und die Folge in eine Art Grau-Zone des Simpsons-Stils bringen. "New York vs Homer" ist ein durchaus passender Titel und man hat den Eindruck das hier *alles* gegen Homer ist, speziell natürlich der Autor der Folge. Bringen wir es klar und deutlich auf den Punkt: wir haben hier eine li-la-lustige, unterhaltsame, spaßige, spritzige, satirische, leere, charakterverzerrende, wirre, handlungslose und bösartige Sitcom-Folge.

Doch leicht widersprüchlich, oder? Ich sage das die Folge auf jeden Fall durchaus passend für den Beginn von S9 ist und an einer Nahtstelle sitzt als die alten Simpsons aufhörten zu existieren und die neuen Simpsons geboren wurden. Aber mal der Reihe nach:

Ich denke die Folge ist lustig und gut wenn sie richtig lustig und gut ist und es sind viele sehr schöne Gags und One-Liner drin und das genial satirische Musical würde ich sogar als zweitbestes Musical der gesamten Serie nach "Planet of the Apes" in 3F15 bezeichnen, wobei das Musical aber hier in dieser Folge als satirische Ausnahme etwas leer in der Handlung hängt und keinen echten Bezug hat. Bezug hin oder her - man kann darüber lachen. Auf der anderen Seite hinterläßt die Folge aber doch ein recht säuerliches Gefühl bei mir und dieses Gefühl entsteht aus all jenen Szenen zwischen den guten Jokes wenn die Folge schlagartig immer wieder ihre Schattenseite zeigt und nach S11 weist.

Die Sauferei bei Moe, der Duff-Man (Oh yeah), Homer´s Rückblende, Homer und der coole Klav-Kalash-Man, Homer und sein dringendes Bedürfnis, Bart´s Abenteuer in NY, Homer im Kampf mit der Stadt etc etc sind auf einem gewissen Niveau alles durchaus lustige und erinnerungswerte Jokes und mögliche ROTFL-Szenen - wenn man sie denn als Einzeljokes und Szenen betrachtet. Betrachtet man sie aber im Gesamtzusammenhang entsteht IMO ein doch recht bösartiges und leeres Bild einer untypischen homer-zentrischen Folge deren wahres "Erfolgsgeheimnis" in der Übertreibung und der Ausbeutung von Homer-Dummheit und gnadenloser sarkastischer Quälerei begründet ist.

Homer ist in S9 schon lange nicht mehr der Charakter der er mal wahr und wird auch in dieser Folge sehr schnell zum stupiden, schlecht gelaunten und aprupt aggressiven degradiert. Durch sein New-York-Trauma wird zwar versucht sein Verhalten etwas plausibler zu machen aber Szenen wie sein Versuch ein Auto aus Matrazen zu bauen (er wird von Marge auch noch darin unterstützt was doch arg out-of-character ist) oder als er seine Geldbörse im Kamin verbrennt oder grundlos Leute auf der Straße wütend anpflaumt oder durch den Central Park rast weisen doch stark in die psychotisch-debile Richtung die speziell während S7 und S8 etwas nachgelassen hatte aber nun in S9 wieder derb und kräftig auftritt und auch der flache Toiletten-Humor ist nicht mehr wirklich die Sorte von typischem intelligentem Humor der die Serie mal groß gemacht hat.

Auf der anderen Seite hat Homer aber auch allen Grund bösartig und wütend zu sein, denn die Stadt und damit die Autoren spielen ihm übel mit und die Handlung spaltet sich in zwei völlig unabhängige Linien. Die gute Linie betrifft Marge und die Kinder die einen unterhaltsamen Tag verbringen und die andere böse Linie betrifft Homer der in einem "superlustigen" Quäl-und-Folter-Marathon von Joke zu Joke (darunter wie gesagt durchaus lustiges Material) gejagt wird und dabei seine grenzenlose kochende Wut in die Stadt und die Ungerechtigkeit der Welt hinausschreien und toben kann. Eine Form von Humor die symptomatisch für viele kommende Folgen wird aber IMO nicht wirklich lustig ist und Szenen wie die ständige Schlagerei von Homer´s Kopf gegen das Autodach oder die beissend böse Quäl-Szene mit dem Müllwagen am Schluß (Medical Waste) gehen mir bei weitem zu stark in Richtung Foll-Grass-Huuuumer-Humor.

Trotz der beiden Handlungslinien mangelt es der Folge IMO an wirklichem Inhalt und die Simpsons werden untypisch zu Charakteren einer New-York-Sitcom degradiert wobei Homer die Rolle des Provinz-Trottels zufällt dessen Kampf mit der Tücke des Objekts und gegen die Stadt zum Stilmittel des Sitcom-Humors wird. Das kann ein gutes Mittel für Humor sein aber muß nicht und bei den Simpsons ist es meiner Ansicht nach fehl am Platz. Möglichkeiten für mehr und echte Satire z.B. am Polizeisystem von NY sind vorhanden aber dünn und die Homer-Sitcom überwiegt.

Auch ohne Übertreibungen hat die Folge darüber hinaus einen arg surrealen und cartoonigen Touch was vielleicht an der unterschwelligen Unlogik der Handlung liegt oder auch am konturlosen und arg surreal bunten und nach oben gekrümmten Zeichenstil der Hochhäuser der die Stadt nicht als Stadt sondern fast als geometrische und leblos sterilen Cartoon-Bühne wirken läßt, was vielleicht auch symptomatisch ist. Homer sieht die Stadt als Moloch, als grauenhaften Ort und er muß seinen Tag in einer kalten konturlosen Welt voll mit leeren Flächen, toten geometrischen bunten Blöcke und Linien verbringen und die Qualen erdulden während die Familie den Tag im grünen und lebendigen Central Park (vielleicht der einzige Teil der Stadt der nicht grell gezeichnet ist) in Frieden beendet - natürlich nur bis Homer seine brodelnde Wut in den Park bringt. Die wirre Szene mit Bart im MAD-Gebäude geht darüber hinaus etwas über die Grenze des Sightgag-Humors und ist einfach nur dämlich (es ist ja nur passend und halb prophetisch das Alfred E. Neumann in seinem cartoonig-überdrehten Büro nach "New Kids on the Bleechh" fragt.)

Zur Synchro könnte man so einiges sagen, auffällig ist z.B. die Tatsache das die Saufkumpane bei Moe im Original laut jubeln (deutlich zu sehen) als ihnen Moe die Nachricht von der Unfallhäufigkeit überbringt, in der deutschen Fassung scheinen sie aber dagegen zu protestieren. Der Duff-Man und Barney sind im Original auch besser und die Übersetzung von "ZZ Top" bei den Rabbis in "Beatles" ist schräg (Ivar traut den Zuschauern wohl nicht zu zu wissen wer ZZ Top sind) und überhaupt ist der Satz "Hey ZZ Top. You guys rock" und die tierisch ernste Anwort der Rabbis "Yes. Sometimes we do" im Original einfach um Längen besser. Meiner Erinnerung nach sind auch die deutschen Untertitel beim Musical so ziemlich zum In-die-Tonne-treten aber genau weiß ich jetzt nicht an welchen Stellen (weiß jemand?) Empfehlen kann ich natürlich wie immer die Original-Folge aber an den wahren Problemen - siehe oben - kann auch die nix ausbessern.

Fazit: wie gesagt eine uneinheitliche und sitcomige Folge und lange nicht mehr so wie es einmal war. Der während S8 und speziell in Folgen wie "Homer´s Enemy" etablierte bösartige Sarkasmus bis zum Letzten kommt hier doch schon deutlich zum Tragen und die gemeinen Qualen für Homer und seine brodelnde Wut gegen alles und jeden sind negativ richtungsweisend für alles was noch kommen wird. Die Folge sitzt an der Nahtstelle zwischen alten Simpsons und neuen Simpsons und sie zeigt in Details klar das sich die alten Simpsons und der alte Stil verabschieden. Die Folge hat Lacher und gute Szenen aber das Gesamtbild ist mir zu leer und zu bösartig um eine meiner Lieblingsfolgen zu sein. Die Folge sagt IMO hinter ihren Lachern zwei Dinge: "Homer-Quälen ist lustig" und "Staffel 11 wird kommen".

Ich könnte mir jetzt 10 Gründe überlegen was an der Folge im Detail gut ist und auch 10 Gründe was an der Folge im Gesamteindruck schlecht ist und diese Gründe würden sich dann gegeneinander insoweit aufheben als das sie nur einen grauen Eindruck zwischen Licht und Schatten, - zwischen alten Simpsons und neuen Simpsons - hinterlassen und dieser graue Eindruck wäre dann trotz all der Lacher - trotz Klav-Kalash - ein säuerliches Gefühl und der Eindruck etwas gesehen zu haben das so nicht mehr richtig war und den falschen Weg weist. Kapiert das jetzt einer? ;-)