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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler (veröffentlicht am 30.07.2001)

Die 8. Staffel geht ja generell wieder mehr auf qualitätsmäßige Talfahrt und während wir in S7 noch etliche und echte "dunkle" Charaktermomente und Episoden über Fragen wie Seelenexistenz, Rassismus oder Geschichtsfälschung hatten tendiert S8 wieder etwas zu stark zur flacheren Comedy und zu teilweise zwar lustigen aber recht storylosen Parodien (Bond, Rocky, X-Files, Frasier etc etc) oder zu Folgen mit Charakterverzerrungen oder obskuren Enden oftmals mit Songs und Musik.

Zwei 4F-Folgen schwimmen da etwas gegen den Strom und orientieren sich mehr in klassische Richtung: 4F04 "A Milhouse Divided" und 4F01 "Lisa´s Date with Density" die beide ein gutes Mittel zwischen modernem Stil und klassischen Folgen darstellen, was sich in 4F04 z.B. im doch ernsten und realitätsbezogenen Ehe-Plot (S2-Richtung) und der Balance zu Material wie "Stoner´s Pot Palace" oder Homers Affen-Piloten über der Alkali-Wüste (S8-Richtung) zeigt.

Was besonders 4F01 über das platte Comedy/Parodien?-Niveau von S8 hebt ist IMO die Tatsache das die Folge nicht nur eine gute Balance zwischen Humor und Inhalt hält sondern mit seinem Inhalt auch mehr zu sagen hat als es zuerst erscheint und das hier unter der Oberfläche eine gewisse subtile Komplexität verborgen ist. Das ist klassischer Stil in Bestform.

Auf den ersten Blick erscheint es doch nur eine simple Folge über Lisa zu sein die sich aus Gründen die absolut nicht nachvollziehbar sind in Nelson verliebt und versucht ihn zu ändern. Auf den zweiten Blick ist es jedoch eine weit tiefer gehende Folge über die Mentalität eines "Bullies" und über soziale Gründe wie Familienhintergrund oder Gruppenzwang die oft für die Entwicklung dieser Charaktere verantwortlich sind. Lisa scheitert bei ihrem Versuch Nelson zu ändern und zwar aus dem einfachen Grund das sie die wahren Hintergründe für sein Verhalten nicht erkennt (eine Tatsache die deutlich zeigt das sie trotz ihres Wunsches erwachsen zu handeln bisweilen die Naivität eines Kindes besitzt.)

Ihr Versuche Nelson auf die schnelle Art zu ändern in dem sie seine Kleidung wechselt und ihm ihre "Werte" quasi aufdrängt (Parallelen zu "Pygmalion") sind natürlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt und diverse Szenen und subtile Elemente zeigen das sie und Nelson niemals auf dem selben Level denken und spätestens als der Gruppenzwang einsetzt sind ihre "Versuche" nichtig. Die Folge tendiert im Nachhinein natürlich auch in Richtung der Frage ob Verhalten durch das soziale Umfeld entsteht oder durch andere Faktoren ausgelöst oder beeinflußt wird. Nelson jedenfalls ist ein Produkt seiner Umwelt und Lisas Ansatz ihn als "mißverstanden" zu betrachten ist im Endeffekt falsch. Lisa sieht Nelson nicht nur als Freund sondern auch als (intellektuelle?) Herausforderung und als soziales Studienobjekt und versagt aufgrund ihres falschen Ansatzes.

Teile der Handlung und vor allem die Observatoriums-Szenen beziehen sich natürlich sehr stark auf den Film "Rebel Without a Cause" was sich hier auf Nelson anwenden läßt der die Gründe für sein Verhalten ja selbst nicht kennt und z.B. nicht weiß warum man Wale wegbomben soll sondern es einfach nur für notwendig hält weil ja irgendwas weggebombt werden muß. Im Grunde sind sowohl Nelson (der in seiner Rolle "gefangen" ist) als auch Lisa (die ihren Fehler zu spät erkennt) tragische Figuren der Handlung wobei der Milhouse-Schluß letztendlich doch noch positiv ist (S2-Stil).

Neben dem subtilen Inhalt kann die Folge natürlich auch durch gut geschriebenen Humor überzeugen der stets in guter Balance zur Handlung steht und nicht störend wirkt, lediglich auf Homers "wacky scheme" mit dem Telefon hätte man IMO auch verzichten können, das ist ein doch typisch modernes Element und nicht wirklich handlungsrelevant aber auch nicht störend. Die wahre Größe der Folge ist jedoch nicht der Humor sondern der subtile soziale Inhalt. Ironischerweise wurde die Folge auch noch von Mike Scully geschrieben der ja normalerweise eher zur platten Comedy ohne Sinn und Anspruch tendiert. Vermutlich seine beste Folge.

Synchro ist an sich recht gut, die Stimme von Skinners Mutter war im Deutschen falsch. Kann es sein das Frink und Lou diesmal nicht von Ivar gesprochen wurden? Eine Referenz geht im Deutschen etwas verloren, Lisa nennt Nelson "A riddle wrapped in a mystery inside an enigma" was der selbe Satz ist den Winston Churchill 1939 über Russland gesagt hat. Ivar fiel wohl kein passendes drittes Wort für "Rätsel" ein also hat er einfach "Innentasche" genommen. Ansonsten ist die Synchro gut.

Fazit: eine der seltenen sehr guten Folgen in S8 mit echtem Inhalt und echtem Schluß und ohne eine zu starke Tendenz zur oberflächlichen Parodie. Es wird zwar teilweise stärker auf "Rebel Without a Cause" referiert aber weder Charaktere noch Handlung verlieren ihre Identität, die Balance zwischen Humor und subtilem Inhalt ist sehr gut. Genau wie 4F04 ein ausgezeichnetes Mittelstück zwischen klassischem und modernem Stil, aufgrund der Komplexität natürlich besser als 4F04. Diese Woche sieht es folgenmäßig leider nicht ganz so gut aus, "Lisa´s Date with Density" bekommt aber natürlich von mir die IMO verdiente Note A.

Chris

P.S. Ich könnte jetzt eine andere Folge zum Thema "Bullies" erwähnen, aber dann bräuchte ich einen Spoilerspace und müßte mit wüsten Schimpfwörtern und F-Noten um mich werfen und das muß ja nicht sein.