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Die Simpsons

Review von Christian Hackl

"Lisa's Sax" büßt bei mehrmaligem Anschauen viel vom einstigen Glanz
ein. Ich halte die Folge nicht einmal mehr für die beste in Staffel 9 -
das ist wohl eher Scullys "The Cartridge Family". Dabei hätte die an und
für sich wunderschöne Geschichte das Zeug zur echten Spitzenfolge. Warum
sie es nicht ist, erklärt möglicherweise ein Blick hinter die Kulissen.
Die Folge wurde von Al Jean geschrieben und produziert. Mike Reiss ist
offiziell der zweite Executive Producer gewesen, hielt sich bei dieser
Folge laut eigenen Aussagen aber stark zurück. Selbst scherzt Reiss (im
DVD-Kommentar) sinngemäß, dies würde zeigen, daß die hohe Qualität der
früheren, gemeinsam produzierten Staffeln eigentlich nur auf Jean allein
zurückginge. Das möchte ich in aller Vehemenz bestreiten. Wenn man
zusätzlich gewisse Aussagen über die Sherry-Bobbins-Folge betrachtet
(wonach Reiss derjenige war, der keinen Zauberei-Kram haben wollte) und
sich die Ödnis von Jeans S1x-Werken vor Augen hält, kommt man um den
Gedanken nicht herum, daß Jean vielleicht sehr wohl jemanden wie Reiss
an seiner Seite braucht, der ihm sagt, was gut ist und was er lieber
lassen sollte.

"Lisa's Sax" zeigt nämlich auf knapp zwanzig Minuten komprimiert ein
perfektes Bild der in späteren Staffeln aufkommenden Jeanschen Tendenz,
gutes Material selbst anzupatzen und kaputtzumachen, um das Publikum
nicht zu verschrecken, das sich von einer lustigen Zeichentrickserie
berieseln lassen will. Mit dem einzigen Unterschied, daß bei "Lisa's
Sax" das gute Material nicht nur gut, sondern fantastisch ist und das
Kaputtmachen daher umso mehr schmerzt.

In der Folge geht es sowohl im Haupt- wie auch im Nebenplot um die
Probleme des US-Bildungssystems, das einerseits dem enthusiastischen
Schulanfänger Bart sofort alle Freude am Unterricht raubt und ihn in den
späteren Lehrerschreck umpolt, andererseits aber auch der hochbegabten
kleinen Lisa die Teilnahme an einer standesgemäßen Vorschule verwehrt,
weil Homer und Marge nicht genug Geld haben. Ein sehr interessantes und
stets aktuelles Thema.

Am nötigen Rückblickfolgen-Flair mangelt es der Folge auch nicht. So
kann man etwa Schneeball I bestaunen, zwischendurch erklingt "Don't
worry, be happy", und die Anspielung auf "All in the Family" mit Homer
und Marge am Klavier paßt auch irgendwie schön dazu. Die Atmosphäre
einer vergangenen Ära wie etwa in "The Way We Was" ist das nicht gerade,
aber der begrenzte Zeitrahmen bietet hier auch viel weniger
Möglichkeiten, als wenn man gleich um mehr als ein Jahrzehnt in der Zeit
zurückschreitet.

Barts Charakterisierung als braves Kleinkind, das sich auf den ersten
Schultag freut, paßt möglicherweise nicht so ganz zu seiner Darstellung
in früheren Rückblickfolgen, aber erstens ist es normal, daß ein Kind
mehrere Phasen durchläuft und sich auch ein kleiner Lausejunge von der
Begeisterung auf das neue Abenteuer Schule mitreißen läßt, und zweitens
wird die Charakteristik bei Bart in dieser Folge sowieso nur leicht
angedeutet. Lustig sind dabei die jüngeren Versionen von Milhouse und
Jimbo; realistisch die kleine Beobachtung, daß Bart seine Depressionen
mit finsteren Zeichnungen verarbeitet.

Schön zu sehen, daß Homer - dem die später in der Staffel aufkeimende
Jerkass-Eigenschaft hier noch völlig abgeht - und Marge sich sofort um
Barts und Lisas Probleme kümmern. Der Grundtenor des Bart-Nebenplots hat
zwar einen humorvollen Ton, ist im Grunde aber eigentlich recht traurig,
wenn man bedenkt, daß es auch im echten Leben gewiss ein paar Lehrer und
Schulpsychologen gibt, die so agieren wie die Figuren in dieser Folge.
Ich hatte in der Volksschule so eine Schreckschraube als Werklehrerin,
die jeden, der nicht häkeln lernen wollte/konnte, als untauglich fürs
Gymnasium bezeichnete. Die Realität übertrifft die Satire bisweilen. (Im
Gegensatz zu Bart bin ich deshalb allerdings kein Schulhofheld geworden.)

Sei es, wie's sei, der wahre Star der Folge ist natürlich Lisa. Die
Zeichner haben sie unheimlich niedlich dargestellt, und so verhält sie
sich auch; wenn sie zum Beispiel wütend ihre zum Wort "star"
aufgestapelten Buchstaben-Würfel umstößt, weil ihrem älteren Bruder mehr
Aufmerksamkeit geschenkt wird (woraufhin die Würfel "rats" ergeben -
nettes Detail am Rande), oder wenn sie beim Schulpsychologen ihr Alter
in Bruchzahlen angibt und danach ganz begeistert aufnimmt, daß die
Zukunft ihr gehöre. Genau so und nicht anders stellt man sich eine
jüngere Version von Lisa vor. Top-Charakterisierung.

Wie Lisa nun tatsächlich zu ihrem Saxophon kam, ist kein sonderlich
aufregendes Ereignis, in seiner Schlichtheit aber sehr schön: Homer
opfert das Geld für die ersehnte Klimaanlage ohne lange zu zögern dafür,
daß er die Begabung seiner Tochter fördern kann, und kauft das
Instrument. Ob die Sache ohne den Gag mit dem eingravierten "D'oh" nicht
noch schöner gewesen wäre, darüber läßt sich streiten (ich finde: ja),
aber das ist nur ein kleines Detail, das nicht weiter stört. Daß Homer
sein Opfer in der Gegenwart wiederholen muß, ist die schicksalhafte
Gerechtigkeit dafür, daß er die Ereignisse in Gang gesetzt hatte, die
schließlich dazu führen sollten, daß Bart Lisas altes Saxophon vernichtet.

Darauf folgt die berühmte, wunderbare, tolle Sequenz mit den Szenen aus
alten Folgen, bei denen Lisa spielt, mit Baker Street als
Hintergrundmusik. Was für ein perfektes Ende.

Leider ist es nicht das Ende.

Das tatsächliche Ende reißt den Zuseher so abrupt aus der schönen
Stimmung, als ergötze man sich gerade an einer Mozart-Arie, und im
selben Moment schaltet irgendjemand den Fernseher ein, aus dem der Song
Contest dröhnt. Anstatt die Folge nämlich mit Baker Street und den alten
Lisa-Clips ausklingen zu lassen, wird alles mit einem idiotischen
Grampa-Witz und einem ebenso dummen Apu-Auftritt kaputtgemacht. Nur um
die Folge auf die benötigte Laufzeit auszudehnen, hat Al Jean also
diesen Müll hinten drangehängt. Ewig schade drum. Freilich wurde auch
die Baker-Street-Sequenz nur aus Zeitgründen dazugehängt. Das ist per se
nichts verwerfliches, nur in diesem Fall muß man sich an den Kopf
greifen bei soviel Selbstzerstörungswut des Autors.

Aber genau wie die Baker-Street-Sequenz der Höhepunkt aller guten Seiten
an der Folge ist, so ist das kaputtmachende Ende bloß der Höhepunkt
aller schlechten. Der zwanghafte Humor ist das Hauptproblem in "Lisa's
Sax". Das Zurückschalten in die Gegenwart wird so fast ausschließlich
für irgendwelche unnötigen Witzchen mißbraucht. Grampa darf sich
mehrmals zum Clown machen, dann taucht plötzlich ohne jeden Grund Apu
vor dem Fenster auf, und Al Jean läßt diese Tatsache lustigerweise auch
noch besingen, womit er sein Desinteresse an Logik hochjubelt. Von den
vielen TV-Anspielungen sind die meisten zu langatmig und daher
langweilig. Ein paar geglückte eingestreute Spaß-Szenen gibt es zwar,
aber es ist letztlich nichts, was einen richtig vom Hocker reißt. Der
Humor, so fühlt es sich meist an, hat eher die Funktion, die emotionalen
Szenen ein wenig zu übertünchen, anstatt sie nur zu ergänzen.

Das Gesamtbild ist damit natürlich sehr uneinheitlich. Mal nimmt sich
die Folge selbst ernst, dann plötzlich wieder nicht. Da scheint leider
schon S1x durch. Anstatt etwa der Zerstörung des alten Saxophons die dem
Ereignis zustehende Dramatik zu verleihen, wird ein Moleman-Witz (auch
eine TV-Anspielung) in die Szene gequetscht, der überhaupt nicht zur
Stimmung paßt. Derartige Probleme gibt es in David Mirkins "Maggie Makes
Three", um einen weiteren Vergleich mit einer anderen Rückblickfolge
anzustellen, beispielsweise nicht; dort fährt die Geschichte sauber und
solide auf der heiteren Schiene, und erst ganz am Schluß findet ein
sanftes Übergleiten ins melancholisches Ende statt, das dafür auch von
keinerlei Witzen gestört wird. Das Bild ist einheitlich, ganz im
Gegensatz zu "Lisa's Sax".

Viel Licht, viel Schatten. Ohne das destruktive Ende und mit weniger
Witzigkeit um jeden Preis wäre die Folge bedeutend besser. Note: 2+