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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Um nicht aus der Übung zu kommen, mal wieder ein kleines Review. Ich werde mich heute einer meiner absoluten Lieblingsfolgen zuwenden, der IMO genialen 3F22 "Summer of 4 Ft 2", dem Season Finale der vielleicht letzten wirklich großen Staffel, S7.

Die Episode ist wieder mal so komplex, daß das folgende Review nur einen Teil der konzeptuellen Breite abdeckt, weitere Meinungen und Interpreta- tionen können gern genannt werden. Ich werde mich im folgenden Text auch nicht mit normalen Referenzen, offensichtlichen Handlungsebenen und dem natürlich brillanten Humor beschäftigen, sondern (wie üblich) versuchen, einen interpretatorischen Blick "hinter die Fassade" zu werfen.

Obwohl das Subversionsbuch viele meiner Lieblingsfolgen etwas vernach- lässigt, wird gerade 3F22 als herausragende und raffinierte Folge ge- lobt, ohne jedoch wirklich konkret auf genaue Qualitäten einzugehen. Ich will versuchen, das im Review nachzuholen.

Ein Kernpunkt der Folge ist der Unterschied zwischen dem festen (stereo- typen) Rollenschema der (Kinder)gesellschaft in Springfield und dem weit offerenen Konzept der Kinder im Urlaubsort mit dem langen Namen. Die Ep ist somit nicht nur tiefergehendes Charaktermaterial, sondern auch eine Sozialparabel.

Aber der Reihe nach. In Springfield (als Ort der satirischen Überzeich- nung sozialer Rollenbilder) gilt eine strikte Gruppentrennung - Nerds gehören zu Gruppen von Nerds und hippe Kids gehören zu Gruppen von hip- pen Kids (oder zu "nihilistischen dudes", wie es das Subversionsbuch ausdrückt.) Nerds erfahren nur unter sich Bestätigung durch Wissen, hip- pe Kids erfahren ebenfalls nur unter sich Bestätigung durch "Kewlheit". Die Grenzen sind klar abgesteckt.

Wichtig für das Verständnis der Ep => Kein Nerd oder Intellektueller würde in einer Gruppe hipper Kids der Popkulturgesellschaft in Spring- field als gleichwertig gelten. Der Auftakt der Folge mit den Szenen am letzten Schultag ist deshalb essentiell wichtig und zeigt uns nochmal genau dieses "Springfield-Rollenschema" - in dem natürlich auch Bart und Lisa stecken.

Lisas Ausgrenzung durch ihr "erwachsenes" Verhalten wird hier deutlich thematisiert. Sie hat kompetent (und völlig gegen ihr Alter) gehandelt, als sie die Ausgabe des Schuljahrbuches übernommen hat. Dadurch erfährt sie zwar Bestätigung durch ihre eigene "Sozialschicht" ("Nerd"-Mädchen, die Lisa bei dem Projekt helfen) wird aber von den anderen Kindern auto- matisch ausgegrenzt. Die symbolische Szene, als Lisa allein auf dem leeren Schulgang steht und ein Jahrbuch ohne Einträge in der Hand hält, ist hier symptomatisch => Lisa erfährt keine echte Anerkennung durch die Masse auf den Gängen.

Barts Zugehörigkeit zur hippen Riege der Grundschule wird als Gegenpol thematisiert - Kinder aller Klassen stehen an, um Autogramme vom berühm- ten "Underachiever and Proud of it" zu bekommen (hier klingt sogar ein gewisser Meta-Bezug an). Barts Rolle wird sogar deutlich satirisch über- betont, als ihn selbst Rektor Skinner um ein Autogramm bittet. Das mag auf den ersten Blick als bizarr und out-of-character erscheinen, hier unterstreicht es aber doch gekonnt die Rollenverteilung in Springfield.

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, wie raffiniert diese Szenen sind und wie stark sie bereits auf den weiteren Verlauf der Handlung vorbe- reiten. Einen Vergleich mit den nutzlosen und überlangen Gag-Reihen in der S1x-Leere spare ich mir lieber.

Die folgende Urlaubsreise (geniale Idee) ist in gewisser Weise gar ein Novum in der Serie. Diese Reise dient nicht etwa dazu, die Familie ein- fach in lustige Situationen an neuen Orten zu bringen, die Reise ist hier durchaus metaphorisch zu sehen, als Symbol für Lisas Weggang aus dem alten Rollenschema zu ihrer Hinterfragung des eigenen Charakters. In Springfield wäre sie weiter "gefangen", im Urlaub können sich aber neue Facetten entfalten und weiterentwickeln. Für Lisa ist diese Fahrt auch eine Art von Selbsterfahrungstrip in eine andere (jugendsoziale) Welt als das gewohnte Springfield, ihr "Aufbruch" wird in ihrem Satz "Bye Bye Lisa Simpson" bei der Abfahrt deutlich.

Nach der Ankunft in der "neuen Welt" ist sich Lisa noch unsicher über ihre Aktionen, was in der einzigen surrealen Szene der ansonsten komp- lett realistischen Folge betont wird - Lisa sieht sich selbst mit den "Geistern" ihres Intellekts konfrontiert - den Figuren, die aus Büchern steigen und versuchen, sie in die Bibliothek zu locken (ein brillanter und wohldosierten Einsatz von Surrealität, der nicht für billige Gags im Hintergrund dient, sondern zur Unterstreichung einer emotionalen Situation.)

Durch hippe Kleidung hat sie sich bereits visuell von ihrer alten Rolle getrennt und als sie endlich auf andere Kinder trifft, versucht sie es auch durch verbale Anpassung. Hier zeigt sich aber wieder ihr zu einge- schränktes Denken nach Springfield-Spielregeln, da sie die Kommunikation mit den Kindern zum Einen mit einer gestellten Phrase beginnt ("Like you know whatever...") und außerdem (nach freundlicher Aufnahme) sofort nach gewohntem Sarkasmus scannt.

Dieses Denken - die Angst als "Nerd" nicht zur Gruppe zu gehören - zieht sich weiter durch diese Folge und stellt sich erst am Schluß als völlig unbegründet heraus. Aber soweit sind wir noch nicht. Lisa entwickelt sich als Charakter, sie adaptiert aber zum Teil auch Fremdverhalten und verleugnet ihren eigenen Charakter, z.B. durch Kopie/Anwendung? von Barts klassischer catchphrase "Don´t have a cow, man."

Bart denkt nach wie vor in den festen Rollenschemen von Springfield und ist daher überzeugt, das ihn seine Skateboardnummer sofort beliebt mach- en wird, denn hippe Kids gehören schließlich zu hippen Kids und beein- drucken sich durch Kewlheit. Hier irrt Bart, denn die Kinder am Urlaubs- ort sind nicht die "nihilistischen Dudes" aus Springfield, sondern in gewisser Hinsicht weit freiere Charaktere. Daher kommt seine Vorstellung nicht an und wird als "Anbiederung" durchschaut. Dieses Verhalten über- steigt Barts Horizont und er vermutet, daß die Kinder wohl einen Nerd gesehen haben und ihn nur deshalb ablehnen (er sagt daher sofort zu Milhouse "They must have seen you...")

Milhouse´ Rolle in der gesamten Handlung unterstreicht, das Nerds unter hippen Kids in Springfield niemals als gleichwertig gelten können. Mil- house fungiert als untergebener Charakter, er muß sich in Büschen ver- stecken, wenn es Bart verlangt und bekommt sogar noch die Schuld am Versagen von Barts Anbiederung, denn bei sich (er ist schließlich hip) sucht Bart diese Schuld nicht. Das Milhouse von Homer beim Brettspiel als "Dud" bezeichnet wird, betont hier nur seine Funktion im Plot, denn anders als Lisa ist er nämlich nicht in der Lage, im Urlaub mit seinem Rolleverhalten gegenüber Bart zu brechen.

Bart macht im Folgenden zwei Fehler - er vermutet sowohl, daß ihre neuen Freunde Lisa natürlich sofort fallenlassen, wenn sie im Jahr- buch die Wahrheit sehen (die Kinder in Springfield würden es tun) und er vermutet, das sich Lisa dann ihrer alten Rolle wieder bewußt wird und sich eingliedert und alle Dinge wieder so werden, wie sie seiner Meinung nach sein müssen. Er hat nicht mit Lisas Frustration gerechnet, die er sich zuziehen wird - der Automatismus, mit dem sich alle Nerds in Springfield in ihre Rollen fügen, ist nämlich durch ihre Charakter- entwicklung ausgesetzt worden.

Um zum Ende zu kommen - Lisa will sich unter Tränen gerade wieder in ihre Rolle fügen, als ihr die Kinder zeigen, das sie eben "mehr" sind als sie erwartet hatte und das sie über dem Rollenverhalten stehen, das Lisa gewohnt ist. Es zählt nicht, ob sie in Springfield als "Nerd" gilt, es zählt, was sie für ein Mensch ist und was sie für die Freunde getan hat. "Lisa rules" ist in diesem Sinn auch wieder als eine Art Selbst- findungsbotschaft zu sehen. Sie muß sich nicht ändern oder verleugnen, sie ist gut so wie sie ist. You are Lisa Simpson.

Die DV habe ich eine Weile nicht mehr gesehen, die Übersetzung dürfte annehmbar sein. Ein Fehler, der mir noch einfällt - "flag fearing" heißt in der DV wohl "Flaggen fütternd" (?). Ivar Spielregeln. Es gibt glaube ich sogar ein BART-File zur Folge. Ein paar Sachen sind in der DV sicher nicht deutlich zu erkennen (z.B. das "Don´t have a cow") und Frau Bohlmann reicht natürlich mal wieder nicht an die coole Brillanz von Yeardley Smith ran. Stellen wie "I´m the sister of a rotten, jelaous, mean little sneak" sollte man auf jeden Fall im Original hören.

Fazit: Ein kleines Meisterwerk in der Tradition von "Lisa´s Substitute" und IMO die wohl beste Folge der mittleren Staffeln, eine wunderbare Charakterfolge, die auch die typischen Cartoonkonventionen von Stereo- typen zugunsten einer dreidimensionalen Charakterisierung ad absurdum führt. Darüber hinaus ist es auch eine Sozialparabel über (Kinder)- gesellschaft und Rollenschemata und mehr. Ein Novum unter den Urlaubs- folgen und vielleicht eine der letzten wirklich großen Folgen. Note A+.

© Chris Pfeiler