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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler

Es gibt wohl einen großen Irrtum über 3F16 - nämlich das es eine Folge über Gewalt im Zeichentrick ist. Das stimmt IMO nicht so ganz. Die Gewalt ist nur ein Mittel in der Folge aber das eigentliche Ziel der Ep ist surreale, dunkle und tiefergehende Selbstironie mit einem Schluß äußerster Bizarrität. Die korrekte Beschreibung ist vielleicht

"genial-radikale Gewalt-Polit-Sozial-Selbstironie-Satire" und sowas verlangt ja fast schon nach einer A-Note :-).

Der Folge gelingt es ähnlich wie "Bart The Mother" einen kompletten Wechsel von Konzept und Stil durchzuführen ohne das die Handlung in merkliches Stocken gerät oder ein Bruch sichtbar wird. Am Anfang scheint die Folge auf das klassische Thema Gewaltsatire zu tendieren (die wir bereits in S2 mit "Itchy & Scratchy & Marge" in Perfektion hatten) aber mit Fortschreiten der Handlung wechselt der Stil von Gewaltsatire mit einem Umweg über radikale politische Kommentare zu einer perfekten Selbstironie über das Cartoon-Business an sich. Der Schluß der Folge wird dann (obwohl für einen Großteil der Fans wohl eher unverständlich) zu einer absolut genialen surrealen Parabel die nochmal das ironische Grundkonzept der Folge wiedergibt.

Selbstironie hat in diesen Tagen zu Recht einen schlechten Ruf aber wenn sie gut gemacht wird (wie hier) dann kann sie eine Folge herausragend in einer sowieso schon guten Staffel machen.

Dreht sich die Folge am Anfang noch um Gewalt und die Effekte der Gewalt auf Kinder so wird sie mit dem Auftauchen von Chester J. Lampwick (Kirk Douglas in der OV) mehr zu einer Ironie über Plagiate im Cartoon-Geschäft und im Endeffekt zur Ironie über die Simpsons selbst. Viele Zuschauer haben den Schluß mit "Lester" und "Eliza" sicher nicht verstanden und waren vom Ende irritiert oder verärgert aber es geht im Grunde noch einmal um das Grundkonzept der Folge - das Ende ergibt sich als Teil der ironischen Handlung. Es ist surreal und seltsam und der wohl unerwartetste Schwenker der Handlung den wir jemals hatten aber auf seine eigene Weise auch wunderbar gelungen.

Wie in der Episode geht es nämlich darum das erfolgreiche Cartoon-Charaktere oftmals auf früheren simpleren Konzepten beruhen und dann "geklaut" werden um an anderer Stelle noch erfolgreicher zu sein. "Lester" und "Eliza" sind wie Bart und Lisa aus den Tracey-Ullman-Shorts und brechen quasi als Ur-Bild der Charaktere auf wunderbar surreale Weise in die Serie ein und bringen die etablierten Figuren in eine Art Existenzkrise. Es ging in der Folge ständig um die Vorbilder von Cartoons (siehe auch die Rede von Roger Meyers Jr. vor Gericht) und am Schluß dehnt die Folge die eigene Realität so weit das Bart und Lisa ihren persönlichen Vorbildern/Vorgängern? gegenüber stehen. Barts Satz "I wasn't the one who solved the problem and neither was Lisa. There is something unsettling about that" ist zusammen mit der überzogen dramatischen Musik am Schluß eine absurde Parodie darüber das ja Bart und Lisa ursprünglich Probleme lösen und nun in eine Existenzkrise gestürzt werden. Es ist bizarr aber es ist im Kontext zur Episode auch genial.

Ich befürchte nur das viele (vor allem deutsche Zuschauer) diese und auch andere Anspielungen nicht so recht verstanden haben und Lester und Eliza als sinnlos auftauchende Charaktere sehen und damit das parodistische Gesamtbild der Folge über Cartoons und Vorbilder nicht erkennen. Ich denke mit der Folge ist es ähnlich wie mit der "Poochie"-Folge - der gewöhnliche deutsche Zuschauer erkennt vieles von der Satire nicht (teilweise auch wegen Ivar) und selbst der erfahrene Zuschauer muß doch etwas mitdenken. Wenn man erkennt worum es eigentlich geht ist es brilliant.

Womit es die Folge nicht so genau nimmt ist Logik und Charakterisierung. Als Bart und Lisa in der Nacht aufbrechen um zur Parade zu gehen fällt Homer nichts anderes ein als ein Sixpack Duff zu verlangen (ungeheuerlich ;-)) und er zieht im Laufe der Folge ständig dicke Geldbündel heraus und gibt sie ohne viele Fragen an Bart weiter. Die Folge ändert die Charaktere etwas ab und passt sie in ein satirisches Gesamtbild ein das in Teilen von der Realität durchaus abweicht aber niemals soweit geht das Springfield wie eine cartoonige Bizarro-Welt wirkt (wie in S11/12) und selbst der Schluß bleibt trotz Surrealität in sich logisch auch wenn wir Lester und Eliza wohl nicht mehr wieder sehen. Es ist ein gutes Beispiel dunkler S7-Surrealität die teilweise etwas an die Grenze geht aber sie wohl niemals oder nur sehr selten überschreitet. Gewagte Folgen können auch Spitzenfolgen sein - wenn die Sache durchdacht, intelligent und subtil ist.

Die Folge ist denke ich auch ein gutes Beispiel zum Thema "Simpsons = Kinderserie?" denn speziell 3F16 würde ich persönlich als recht ungeeignet für jüngere Kinder bezeichnen da ihnen zum Einen die wahre subtile Bedeutung vieler Szenen und vor allem der ironischen Handlungselemente nicht klar sein dürfte (speziell der surreale Schluß dürfte auf Unverständnis stoßen) und da zum Anderen diverse Teile der Handlung und Dialoge doch recht radikal und Kiddie-unpassend wirken.

Wie haben z.B. div. I&S Szenen voll mit "rib-tickling brutality" einschließlich des "Fritz The Cat"-Segments mit "frank depiction of sex and narcotic consumption" oder Itchy und dem Iren (Milhouse schreit "He´s Irish. Come on, Itchy! Kill that guy") oder Barts Wunsch erschossen zu werden wenn er aufhört Gewalt zu lieben. Das ganze "Amendment 2B"-Segment mit den "flagburners" und "liberal freaks" und Polizeigewalt und Barts ultrakrassem Kommentar "We need another Vietnam to thin out their ranks a little" zählen wohl zu den radikalsten politischen Szenen die die Serie jemals hatte und im momentanen li-la-lustigen Spaß-Stil wohl leider niemals wieder haben wird.

Man soll Kinder nicht unterschätzen (sagt schon Sideshow Bob) aber die Folge enthält IMO genug krasses Material um sie zumindest für jüngere Kinder bedenklich zu machen. Desweiteren wird sie diese Gruppe aus den oben genannten Gründen eher weniger ansprechen. S7 war oftmals gewagter als es sich S1 - S3 jemals getraut hätten und dunkler als alles das nach S8 kommt.

Fazit: eine genial-radikale Gewalt-Polit-Sozial-Selbstironie-Satire mit einem bizarren Schluß dessen Genialität man vielleicht nicht gleich erkennt. Etwas surreales Material und Charakterschwächen müßten die Note eigentlich drücken aber es geht eigentlich niemals über die Grenze und der Inhalt und die Kommentare heben die Folge so weit über das Niveau das man zur Note A greifen muß. Folgen von diesem Kaliber und dieser subtilen Intelligenz sind bereits kilometerweit über fast allem was einem S9 noch zu bieten hat (heute die grauselig leere Sitcom "Bart Carny".)

"The Day The Violence Died" hat sich IMO eine Note A verdient weil sie soviele Denkansätze und radikale Inhalte und Ironie in einer schlüßigen Handlung verbindet und das ganze in die Form einer humorvollen Unterhaltung bringt (aber keiner hat an die Kinder gedacht ;-)) Das ist die wahre Größe der Serie - nicht der Slapstick. Leute mißverstehen mich und sagen ich gebe nur für "Drama"-Zeugs gute Noten und für Spaß und Comedy schlechte Noten. Es geht aber doch gar nicht um Spaß und Drama sondern es geht um Inhalt und um Balance. 3F16 überzeugt mich auf jeden Fall trotz Ironie als wahre Simpsons-Folge.