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Die Simpsons

Review von Joachim Möglich

Damit nicht immer nur CP Reviews macht und weil mir so ist, mal der Versuch, etwas mehr zu einer Simpsonsfolge zu sagen.

Vergebt mir, aber solche Simpsonsfolgen, wie die gestern auf Pro7 gezeigte, haben mich darüber nachdenken lassen, wieso man überhaupt Fan der Serie ist. Durch die nette DABF02 wäre ich sicher niemals einer geworden. Bei mir waren das Folgen wie 7F09 - Itchy & Scratchy & Marge (Das Fernsehen ist an allem Schuld) und 8F11 - Radio Bart (Wer anderen einen Brunnen gräbt) aber auch die wesentlich niveaulosere 2F01 - Itchy & Scratchy Land (Der unheimliche Vergnügungspark), die mich veranlaßten, mich eingehender mit der Serie zu beschäftigen. Durch ein Gespräch mit Sebastian über Musicals kam ich auf die Folge "A Fish Called Selma", in der ja eine der schönsten Musicalparodien aller Zeiten enthalten ist. Deshalb an dieser Stelle ein paar Gedanken zu 3F15. Die Episode entstand am Ende der 7. Staffel, als die Simpsonsmaschine auf Hochtouren lief und noch Maßstäbe setzte. In der siebten Staffel wechselten sich schwächere Folgen (Two Bad Neighbors; Bart on the Road) mit sehr guten Folgen und Allzeitklassikern ab, letztere lassen sich gar nicht aufzählen.

Die von mir erkorene 3F15 fällt vor allem durch 2 Sachen auf. Zum ersten spielen die Simpsons eine eher untergeordnete Rolle, zum anderen wird sich hier intensiv mit einem Nebencharakter beschäftigt, der bis dahin nur füllendes Beiwerk war, wenn auch von den Fans sehr geliebt.

Die Hauptpersonen dieser Folge heißen Selma Bouvier, die heiratswillige Schwester (der Zwilling mit der geteilten Frisur) von Marge und Troy McClure, der abgehalfterte lokale Filmstar, bekannt aus Filmen wie .... Selma wird von Julie Kavner gesprochen, die bekanntlich auch Marge ihre Stimme leiht und sie macht ihre Sache hervorragend.

Troy McClure wurd von Phil Hartman gesprochen. Dieser sympathische Schauspieler mit der markanten Stimme verstarb leider 1998 noch nicht einmal 50jährig. Ihm zu Ehren wurden nach 1998 die Rollen des Lionel Hutz (ebenfalls Hartman) und Troy McClure nicht mehr besetzt.

Der Name der Episode "A Fish Called Selma" bezieht sich auf den köstlichen Klamaukfilm "A Fish Called Wanda", in dem neben den legendären Monthy Pythons John Cleese und Michael Palin auch Jamie Lee Curtis und Kevin Kline Gelegenheit haben, ihre komödiantische Seite herauszukehren. Es spielt in dem Film tatsächlich ein Fisch namens Wanda eine gewichtige Rolle, aber wem erzähl ich das. Wer den Film kennt weiß es, wer ihn noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen, es lohnt sich.

Die Folge beginnt, mittlerweile völlig ungewohnt, damals ein Klassiker, vor dem Fernseher, vor dem sich OFF versammelt hat. Als Ersatz für ein wegen Regen ausgefallenes Fußballspiel wird ein Film von 1977 gezeigt "The Muppets Go Medieval". Für alle Kenner der Muppet-Show ist die Szene schon der Brüller. So wird in wenigen Sekunden die immer schwebende Beziehung zwischen Kermit und Piggy, die nicht verdeckten Führungsstäbe der Puppen(damals Jim Henson, dem Muppetschöpfer) ein Dorn im Auge) und der typische Umgang der Muppets mit Stars und Sternchen gezeigt. Auf die Szene wird im Verlauf der Serie noch einmal zurückgegriffen. Hier findet ebenfalls die Einführung von Troy McClure statt, der ebenso wie die Muppets den Kindern und auch heutigen Zuschauern total unbekannt ist. Erstmals wird hier auch auf die Gerüchte über McClures? bizarres Privatleben eingegangen (Marge: "Thats just an urban legend, people don't do that type of thing with fish."), die auch den Titel der Episode erklären. Die restliche Haupthandlung ist schnell erzählt.

Troy McClure wird von Chief Wiggum beim Fahren ohne Brille erwischt und muß zum Sehtest. Dort trifft er auf die beiden "Geißeln Göttes", wie Homer seine Schwägerinnen bereits in der ersten Staffel bezeichnete. Um den Test zu bestehen becirct er Selma und lädt sie zum Abendessen ein. Zufällig bemerkt er, daß er damit Aufmerksamkeit erregt und was braucht ein Schauspieler mehr als publicity? Zwar erscheint sein Photo, auf dem er Selma küßt nur auf Seite 10, daß reicht aber seinem Agenten, wieder auf ihn aufmerksam zu werden. Nach und nach klettert Troy wieder die Erfolgsleiter hoch. erst als Selma die Sache durchschaut trennen sich Troy und sie einvernehmlich.

Eine herausragend konstruierte Handlung mit viel seelischer Tiefe dominiert diese Folge. Auf Grund der Fülle gibt es nur einen durchgehenden Hauptplot und OFF wird in den Hintergrund gedrängt, gibt aber dennoch entscheidende Impulse (Marges Frauengespräche und Homers Männergespräch und die Unterhaltung von Marges und Homer im Bett ). Lat. kommt der Spaß nie zu kurz, das ist das eigentliche Wunder, wie es die Autoren immer wieder, augenscheinlich mühelos, schafften, Ernst, Realität, Satire und Botschaften in 20 Minuten bizarr gezeichneten Zeichentrick zu bannen.

Troys Karriere wird hervorragend verdeutlicht.

Vom heruntergekommenen Schauspieler, dessen Stücke nur als Notsendungen für ausgefallene Sportveranstaltungen bzw. in Autokinos, die zeitnah abgerissen werden sollen (Göttlich die Wiederholungsszene im Autokino, in der Troy und Selma und die Schatten von Troy und Ms. Piggy synchron sprechen) über ein drittklassiges Musical (eine der besten Mediensatiren, die je bei den Simpsons gezeigt wurden, man beachte die Kulisse, die Verwendung europäischer Musik (Falcos "Amadeus" wurde verballhornt), die deplatzierten Requisiten (Klavier) und den sinnentleerten Text) bis hin zu einer Hauptrolle im neuen McBain-Film zieht sich der Bogen. Verknüpft damit ist sein Zusammensein miit Selma (Agentenanruf), die Hochzeit(Planet der Affen) und das vom Produzenten empfohlene Kind (McBain).

Die Stimme des Agenten MacArthur? Parker wird übrigens hervorragend vom Gastsprecher Jeff Goldblum mit Leben erfüllt.

Jeff Goldblum ist spätestens seit Roland Emmerichs satirischen "Independance Day", wo er neben Will Smith (cooler Schwarzer) und Bill Pullman (weißer Kampfpilot) das dritte Stereotyp (jüdischer Intellektueller) verkörperte, aller Welt bekannt. Seine Hauptrolle in David Cronenbergs "Die Fliege" ist IMHO auch seine Beste. Schön kann man den Karrierebogen von McClure auch am Beispiel des italienischen Schickimickirestaurant mit dem interessanten Namen "UGLI" beobachten. Als sich Selma dort das erste Mal eine Zigarette anzündet, wird sie verachtungsvoll des Hauses verwiesen. Nach Troys Erfolg am Broadway kommt der Ober devot an den Tisch und fragt Selma, ob er ihr eine Zigarette anbieten darf. (Troy: "You bet, from now on she's smoking for two"). Nungut, mittlerweile dürfte sich das auch für erfolgreiche Stars in den USofA erledigt haben, da dieses bigotte Land fast schon hysterisch Jagd auf Raucher macht, doch ich schweife ab... ;-)

Troys offensichtlich vorhandene abnorme Neigung und Marges Gespräch mit Selma lassen eine Weiterführung der Ehe fragwürdig erscheinen. Selma, die ja auch nicht jünger wird, nutzt dennoch die Chance, ein Kind bekommen zu können. Als McClure in dieser Sache versagt, trennen sich beide einvernehmlich. Es endet nicht in überzogenem grellen Klamauk, wie es heute leider üblich wäre, sondern Selma verläßt das futuristische Haus mit ihrem Leguan Jub-Jub und es bleibt jedem Zuschauer Zeit, über die Situationen nachzudenken, in denen sich nun Troy und Selma wieder befinden.

Nochmals zum Abschluß: Eine Folge, die so viele Spannungsmomente, so viel Liebe zum Detail (Frisuren, Aussehen Selmas, Hochzeitsgäste, Verhalten von Bart, Lisa in McClures? Pool, Maggies mit Marge neben Selma im raffiniert geschnittenen Badeanzug und, und und...), die so viel charakterliche Tiefe enthält, die in nicht einmal 20 Minuten hervorragend die Probleme des Älterwerdens, des Kinderkriegens, der beruflichen Karriere, des Rufes, gesellschaftlicher Akzeptanz usw. usf. aufarbeitet, das war damals für mich (und nicht nur für mich) der Grund gewesen, mich eingehender mit dieser Serie zu befassen. Wenn man eine Episode zigmal sehen kann und jedesmal neue Aspekte, andere Hintergründe, frische Denkanstöße bekommt oder neue Details entdeckt (so fiel mir erst beim letzten Schauen der Episode auf, daß Homer bei der Hochzeit einen ollen Titel von "Gary Glitter"(kennt den überhaupt noch jemand?) summt), dann muß an der Serie was dran sein, dann hat sie zu Recht Erfolg. Das, was heute über den Bildschirm flimmert hat mit den Simpsons nicht mehr allzuviel zu tun. Ein paar kurze Lacher und schwups hat man alles vergessen bzw. verdrängt automatisch das Gesehene. Popcornunterhaltung statt Tiefgang. "Mission Impossible" läßt grüßen. Wieso gerade dieser Film? Das war der erste Kinofilm, bei dem bei der beknackten Schlußszene (TGV mit Hubschrauber im Eurotunnel) fast alle Zuschauer unter Protest den Saal verließen.

Wer Lust auf eine klassische Simpsonsepisode hat, dem sei an dieser Stelle noch mal wärmstens die 3F15 empfohlen. Wer sie sich anschaut, wird feststellen, daß ich nicht mal 20% der Aspekte, Referenzen usw. aufgezählt habe. Und keine Angst, obwohl ich es nicht erwähnt habe, in dieser Folge jagd ein Gag den Anderen, also ist auch für gute Unterhaltung gesorgt :-).

Kommentare sind erwünscht, aber bitte nicht so zahlreich wie auf CPs Reviews ;-)

© Joachim Möglich