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Die Simpsons

Review von Chris Pfeiler (veröffentlicht am 04.07.2001)

Es gibt eigentlich oberhalb von Staffel 3 nur noch sehr wenige wirklich "perfekte" Folgen (bei genauerer Betrachtung weit weniger als man denkt) aber 3F06 ist ohne jeden Zweifel eine. Woo-hoo. Perfekte Balance zwischen Spaß, Unterhaltung und emotionaler Seite und eine Charakterstudie über Homer die weit über den platten Cartoon-Trottel und Pausenclown heutiger Un-Folgen herausgeht und zwischen den lustigen Elementen genug Zeit für ernstere Themen findet.

Eine derartige Folge kann es eigentlich nur in S7 geben denn in der überdrehten S5 und zum Großteil auch noch in S6 wäre sie total fehl am Platz gewesen. In diesen Staffeln (siehe z.B. mein Review zu "And Maggie Makes Three") hatte man oft den Eindruck das sich die Autoren vor zu ernsten Szenen oder charakterlastigen Handlungen gefürchtet haben und sie entweder gleich ganz entfernt oder aber jede ernstere Szene sofort mit einer Riesenladung (oftmals platter) Gags "ausgebügelt" haben. S7 hatte wieder mehr zurück zu den Wurzeln gefunden und die Autoren schienen erkannt zu haben das man zugunsten der Handlung und der Charakterentwicklung den Gag-Gehalt zurückschrauben oder in eine passende Balance mit der Handlung bringen muß und im Gegensatz zu z.B. "And Maggie Makes Three" hat man bei "Mother Simpson" nirgends den Eindruck das total überdrehte Gags gezwungen reingekleistert wurden und auch der ultrageniale Schluß wirkt nicht aufgesetzt.

Die Folge zeigt uns Homer deutlich als Charakter mit Tiefgang und nicht als flache grelle Cartoon-Figur. Nicht wacky Homer im Weltraum oder Homer der wirr kichernd Unsinn macht oder Homer der als infantiler Trottel nur für einen billigen Lacher durch das Bild stolpert und sich mal eben lustig ein paar Knochen bricht - sondern Homer als Wesen mit Emotionen bis hin zu einer tiefsitzenden Traurigkeit ("I guess I was just a horrible son and no mother would want me") und das war immer die wahre Größe der klassischen Folgen - die Fähigkeit Handlungen und Charaktere zu schaffen die lebensecht wirken und wahren "Krisen" und dunklen Seiten der Handlungen gegenüber stehen. S5 und S6 hatten diese Fähigkeit zum Großteil an den Slapstick verloren, in S7 ist sie wieder da.

Es gibt in der Folge sicher jede Menge gute Lacher (Burns und ABBA = ROTFL) und Referenzen auf "Apokalypse Now" und "Dragnet" aber sie verliert weder ihre Identität noch ihre "Würde" noch ihren Tiefgang durch die Gags und das ist die perfekte Balance. Der Schluß selbst ist einer der besten (wenn nicht *der* beste) Schluß den wir jemals hatten, auf der andere Seite ist es nur wieder traurig das der Charakter (der wahre Charakter) der am Schluß auf dem Auto sitzt und die Sterne betrachtet derselbe ist der heutzutage als debiler Schwachkopf von einer Verletzung zur nächsten gejagt wird und dessen riesiges Potential auf einfältige stupide Sätze und Schmerzensschreie reduziert wurde. Zum Thema "Beste Szenen" (wie in dem langen Thread) fällt mir auf jeden Fall unter anderem der Schluß dieser Folge ein und zwar weit weit weit vor irgendwelchem "superlustigen" Unsinn der seinen Spaß nur aus der Ausbeutung von Homer-Dummheit zieht.

Folgen wie "Home-Diddly", "Bart Sells His Soul" oder eben "Mother Simpson" zeigen auf jeden Fall nochmal deutlich wie es ein sollte und worum es früher einmal ging. Einen Haufen arg platter Gaudi-Jokes in eine Reihe bringen und es Handlung nennen können auch viele andere Cartoon-Serien, einer Cartoon-Figur Tiefgang, Realität, Konflikt und Charakter geben können aber nur wenige und keiner so gut wie es die Simpsons mal konnten (auch nicht "Futurama"). Es geht nicht darum viel Humor in die Story zu zwängen sondern es geht darum zu erkennen wann man den Humor zurücknehmen muß um mehr Platz für Charaktere zu schaffen. Das ist wahre Größe - die dunklen Seiten der Handlung, nicht der Slapstick - und darum denke ich auch das die wahre Serie heutzutage (also S11/12) tot und begraben ist.

Synchromäßig geht die Folge in Ordnung, so gut wie eine Synchro eben in Ordnung gehen kann, die emotionale Tiefe und auch die kindliche Traurigkeit ist bei Dan natürlich klar besser als bei Nobby. Sachen wie "Flower-Power" und "Glower-Power" können nicht passend übersetzt werden, "Melrose Place" wird zum "Denver-Clan" (nicht notwendig) und "A Separate Peace" wird zu "1984" aber das ist weniger schlimm. An einer Stelle geht die Synchro IMO etwas am Original vorbei und zwar an der Sympathiegefühl-Stelle als Grandma sagt "I feel like I have an instant rapport with you" und Lisa antwortet "You didn't dumb it down! You said rapport." womit Lisa meint das Grandma mit ihr wie mit einer Erwachsenen spricht und sie als gleichwertig betrachtet. Der wichtige Eindruck fehlt im Deutschen aber die Szene ist trotzdem nett.

Fazit: eine wirklich große Folge und zwar nicht groß durch Slapstick sondern groß durch Tiefgang und Charakterstudie. Normalerweise stoßen emotionale Folgen ja bei vielen Fans die lieber mehr Unsinn sehen wollen auf Ablehnung aber bei dieser Folge ist die Balance so perfekt das selbst in den (damals noch kritischen) Capsule-Reviews ein Großteil der Reviewer "A"-Noten gaben und dem schließe ich mich natürlich an. S7 hat auch ihre Schwachpunkte aber in Folgen wie dieser zeigt sie deutlich das sie noch am stärksten zur klassischen Seite hin tendiert. Note A.