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Die Simpsons

Review von Christian Hackl

Ein lustiger Blick in die Zukunft von Springfield mit allerlei Gags, einer Riesenladung Satire, viel Chaos und vielen Ausreden, dem Zuseher dummes Zeug zu zeigen - genau das ist "Lisa's Wedding" nicht. Ganz im Gegenteil. Die Zukunftsvision ist letztlich sogar nur Mittel zum Zweck und dient dazu, Lisas Beziehung zu ihrer Familie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, welcher letztlich wieder zum selben Schluß führt wie einst "Lisa's Substitute": Lisa lebt intellektuell in einer ganz anderen Welt als ihre Familie und schämt sich vor anderen, dazuzugehören, ganz besonders im Hinblick auf Homer. Umso stärker ist das emotionale Band zwischen ihnen, und das läßt sie sich auch vom Mann ihres Lebens nicht durchtrennen.

Dieses Thema beherrscht die Folge und sorgt dabei selbstverständlich auch für viele herzliche Lacher, nicht zuletzt aufgrund von Hughs typisch britischer Korrektheit, die ganz und gar nicht zur amerikanischen Lockerheit der Simpsons-Familie paßt. Mein Favorit: Homer und Bart wollen Hugh eine Freude machen, indem sie zur Begrüßung den Union Jack hissen. Leider fängt dieser Feuer, womit Hugh als Begrüßungsgeschenk die brennende Fahne seines Landes zu sehen bekommt - inklusive Brandlöschungsmaßnahmen von Homer und Bart, die die Fahne rasch wieder einholen und Kompost drüberschaufeln. Dabei hatten sie es gut gemeint. Überhaupt stecken hinter all den Peinlichkeiten, die Lisa erdulden muß, nichts als gute Absichten. Deshalb funktioniert die Handlung so gut, und deshalb erkennt man auch, wie verletzend Hughs Urteil über Lisas Familie am Ende der Folge in Wahrheit ist.

Als Homer im Hochzeitszelt seine rührenden Worte an Lisa richtet, hat er sicherlich einen seiner größten Augenblicke in der Serie. Auch Lisas Reaktion ist sehr schön. "Dad, you're babbling", sagt sie mit einem Hauch von Verlegenheit in der Stimme. "See? You're still helping me", erwidert Homer. Nach derartigem Material kann man in den anderen beiden OFF-Zukunftsfolgen lang suchen. Zum Glück wird nicht einmal ansatzweise der Versuch unternommen, diese Szene mit unangebrachtem Humor anzupatzen.

Das Hauptaugenmerk liegt, wie unschwer zu erkennen, auf Lisas Beziehung zu Homer, aber es ist schön zu sehen, daß der Zusammenhalt der gesamten sogenannten "dysfunctional family" auch in der Zukunft bestehen bleibt. Marges Verhältnis zu Lisa scheint besser denn je, wie die Szene im Schlafzimmer mit dem Hochzeitskleid zeigt, bei der die beiden gemeinsam über Milhouse witzeln. Und auch die in Kindheitszeiten nicht immer so harmonische Geschwisterbeziehung zu Bart macht nun, da Bruder und Schwester erwachsen geworden sind, einen starken und gereiften Eindruck.

Lisas Beziehung zu Hugh wird in dieser Folge recht schnell aufgebaut; der Aufbau wirkt deshalb aber nicht überhastet. Hugh scheint mit seinen politischen und philosophischen Ansichten zunächst tatsächlich der Richtige für Lisa zu sein und verkörpert durchaus glaubwürdig ihre vermeintlich ganz große Liebe. Der emotionale Fokus gehört freilich nicht den beiden, sondern Lisa und Homer. Hugh ist, wenn man so will, genauso Mittel zum Zweck für die eigentliche Homer/Lisa?-Handlung wie die gesamte Zukunftskulisse. Somit stört es auch nicht im geringsten, daß die Dramatik der beiden Schlüsselmomente zwischen Lisa und Hugh, also der erste Kuß und der Heiratsantrag, mit Humor in Form von schmelzenden Roboterköpfen gedämpft wird.

Die atmosphärische Größe der Handlung wird zudem noch verstärkt, indem der Zukunft ein starker Kontrast durch den Rahmen des Ritterfestes gegeben wird, auf dem Lisa die Wahrsagerin trifft. Alf Clausens sanfte, mittelalterliche Schlußklänge zeigen wieder einmal, wie wichtig bei OFF die musikalische Unterstützung ist. Die Interpretation der Abspann-Melodie in dieser Folge zählt zu den schönsten in der Serie und kann in dieser Hinsicht absolut mit dem berühmten Ende von "Mother Simpson" in S7 mithalten.

Selbstverständlich steckt "Lisa's Wedding" voller Details, durch die sich das mehrmalige Anschauen erst so richtig lohnt. Lisa entweicht am Beginn der Zukunftsvision, als sie sich darüber ärgert, daß der zu dem Zeitpunkt noch unbekannte Hugh das Buch ausgeliehen hat, das sie gebraucht hätte, ein "D'oh!". Von den Autoren gewollt oder nicht, zeigt sich in dieser Szene gewissermaßen schon im voraus, wie sehr Homer ein Teil von Lisa ist. Erwähnenswert auch der Witz mit der Digitalanzeige am Big Ben, die noch dazu bei 12:00 blinkt, weil offenbar niemand die Uhr gestellt hat. Über den Humor in der Folge braucht man im Prinzip sowieso keine Worte zu verlieren. Humor war in der Mirkin-Ära schließlich noch nie ein Problem. Ob "Plan B" beim Heiratsantrag, Barts Berufsleben, Milhouses Auftritt als Homers Vorgesetzter, von Pepsi gesponserter Mathematik-Unterricht oder das Schicksal des verschollenen Martin Prince - es gibt soviel brillant witziges Material, daß gewiß auch Zuseher auf ihre Kosten kommen, die mit dem emotionalen Thema nichts anfangen können.

Extra hervorheben muß man jedoch den Running Gag mit Maggie, auf deren Stimme wir vergeblich warten müssen, weil in jeder Szene irgendetwas dazwischenkommt. Noch dazu heißt es, sie könne normalerweise gar nicht zu reden aufhören und würde nie den Mund halten ... Herrlich! Ein hübsches Detail am Rande ist der Schnuller-Anhänger, der dezent ihre Baby-Vergangenheit andeutet.

"Lisa's Wedding" ist für mich der Höhepunkt der gesamten Mirkin-Ära und zugleich eine der schönsten Folgen in der ganzen Serie. Nach kürzlich erfolgtem DVD-Kommentar-Anhören hat sich für mich auch herausgestellt, daß ihre Qualität kein Zufall ist; stammt die Idee doch von Jim Brooks höchstpersönlich, dem Mann, der den Simpsons in ihren Anfangsjahren die wahre Klasse verlieh. Ein Telefongespräch, in dem Brooks die Idee in ein paar Sätzen umrissen habe, so erinnert sich Mirkin, sei der Startschuß zur Folge gewesen.

Die Brooksche Handschrift ist dementsprechend klar erkennbar. Zwar stammt die tatsächliche Umsetzung der Idee in Form einer kompletten Handlung von Greg Daniels, aber auch der hat großartige Arbeit geleistet - wie überhaupt das gesamte Produktionsteam, von den Animatoren über die Sprecher bis hin zu Alf Clausen. Die Charaktere verhalten sich zu 100% charaktertreu, die ganze Handlung hat hinter aller Zukunfts-Satire einen realistischen, emotionalen Hintergrund, das britische Englisch klingt liebenswürdig komisch, und animationstechnisch gibt's auch nichts zu bekritteln. Die Zeichner haben die Figuren sehr geschickt altern lassen, oft buchstäblich mit ein paar eleganten Strichen. Ganz besonders nette Animationseffekte sind der Sprung zurück in die Gegenwart, bei dem sich das Hochzeitszelt wieder in den Jahrmarkt verwandelt, sowie die sich in Hughs Augen spiegelnde brennende Fahne.

Sehr beachtlich finde ich folgenden DVD-Kommentar von Greg Daniels:

| I remember a lot of what I was trying to do was knock out jokes | that would change the mood at the end.

Die hohe Kunst des Rauskickens atmosphärevernichtender Witze ist den Autoren irgendwann im Lauf der Serie leider abhanden gekommen; damals gab es sie offensichtlich noch. Und die Balance funktioniert in der Tat so wunderbar, daß selbst der sonst immerzu ironische David Mirkin das Ende als "bitter-sweet" lobt. Die Wiederaufnahme der altbewährten Homer/Lisa?-Betrachtung schließt thematisch und emotional wie schon erwähnt an "Lisa's Substitute" an; diese Parallele wird übrigens auch im DVD-Kommentar von den Machern selbst angeführt.

Und so stößt am Schluß eine von der Zukunftsvorstellung nachdenklich gemachte Lisa freudestrahlend auf Homer und lauscht gebannt den Erzählungen von seinen Erlebnissen an Karussell und Nougat-Stand, während die beiden gemeinsam, Hand in Hand, in den Horizont schreiten. Perfekt.

Note: 1+

-- Christian Hackl