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Die Simpsons

Bart Simpson ist kein amerikanischer Junge mehr

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 Quelle: Rheinpfalz
 URL: http://www.ron.de
 Datum Donnerstag, 20. April 2000




Zuschauer übersetzter Filme und Serien sehen sehen manchmal verfälschte Versionen - Anpielungen gehen verloren [von Thomas Büffel]

Anspielungen auf die Nazi-Zeit sind möglichst zu unterlassen - für Filmübersetzer ein ungeschriebenes Gesetz. Deshalb wurde die "Raumschiff Enterprise"-Folge "Patterns of Force - Schablonen der Gewalt", in der Captain Kirk, Spock und "Pille" McCoy Gefangene einer wiedererschaffenen Nazi-Gesellschaft werden, nie im deutschen Fernsehen gezeigt. Deshalb redet Tom Selleck in der "Magnum"-Folge "Never Again - Verfolgt", die vor Jahren in der ARD gezeigt wurde, nicht wie im Original von Nazis, sondern von Agenten. Und deshalb ruft der dicke Cartman aus "South Park", an Halloween als Hitler verkleidet, auf dem US-Kanal Comedy Central "Sieg Heil", auf RTL aber "Wie geil". Aber warum einen guten Scherz kaputt machen? In einer Folge der US-Zeichentrickserie "Die Simpsons" darf Familienvater Homer auch im Deutschen auf die Quizfrage "Nach welchem deutschen Staatsoberhaupt wurde die Hauptstadt von North Dakota benannt?" antworten "Hitler!" (anstelle von Bismarck). Dennnoch gilt für die "Simpsons", was Medien- und Sprachwissenschaftler über viele synchronisierte Fassungen sagen: Sie werden flacher. Dialekte werden zu Hochdeutsch, Witze werden unterschlagen, und Anspielungen gehen verloren.

"Kultserien" im Nachtprogramm

So wundert es nicht, dass so manche angebliche "Kultserie" aus den USA im Nachtprogramm der Privatsender dahin vegetiert. Wer Anfang 1998 während der letzten Folge von "Seinfald" in den USA einen Werbespot schalten wollte, musste rund 1,5 Millionen Dollar für 30 Sekunden zahlen - mehr als beim "Super Bowl", dem Football-Höhepunkt der Sportjahres einige Wochen zuvor. Pro 7 zeigte die Folge montags nach Mitternacht, zu einer Zeit, in der stöhnende, barbusige Frauen auf 0190-er Nummern angerufen werden wollen. Den "Simpsons" erging es ähnlich. Anfang der 90er liefen sie im Vorabendprogramm des ZDF, und der Sender beabsichtigte eine Zweitausstrahlung nach dem "Aktuellen Sport Studio". Dazu kam es nie, und nach wenigen Staffeln verloren die Mainzer das Interesse an der Serie. Pro 7 übernahm und brachte die Folgen entweder spät nachts oder morgens an den Wochenenden zwischen "Familie Feuerstein" und den "Schlümpfen". Auch der spätere feste Sendeplatz im werktäglichen Vorabendprogramm und die Zufriedenheit des Senders kann nicht darüber hinwegtäuschen: Erfolg in den USA ist nicht gleichbedeutend mit Erfolg in Deutschland.

Abzug mit Qualitätsverlusten

Mehr noch: Eine synchronisierte Fassung ist selten ein Zwilling des Originals, sondern häufig ein Abzug mit Qualitätsverlusten. Die deutschen Zuschauer sehen eine andere Sendung als die US-Amerikaner. Würde man etwa bei den "Simpsons" nur der Ton hören, könnte man nur erahnen, dass die Serie in den USA spielt. Der Grund liegt in den Unterschieden im kulturellen Wissen der beiden Länder: Ein Übersetzer kann nicht davon ausgehen, dass die Zuschauer Marmaduke, Vince Lombardi und Elliot Gould kennen. Also wird aus dem Comic-Hund die Ente Donald Duck, aus dem Football-Trainer wird Boris Becker, und aus dem Schauspieler aus der Serie "M.A.S.H." wird Elvis Presley. Die Übersetzer greifen auf weltweit bekannte Personen zurück. Damit erweitern sie den Kreis der Zuschauer, die die Anspielung verstehen. Gleichzeitig erweitern sie aber auch den Aktionsradius der Figuren. Nicht nur die eingeweihten Comic-Freaks, Football-Fans und Anhänger alter Serien zählen zu den Wissenden, sondern ein Großteil des Publikums. Das Problem dabei: Die "Simpsons" sind kein Verbrauchermagazin, das so vielen Zuschauern wie möglich in einfachen Worten und leicht begreiflich erklären will, was sich mit der Steuerreform für verheiratete Ehepaare ändert. Die Serie funktioniert im Original auf drei verschiedenen Rezeptionsebenen. Jüngere Zuschauer mögen vor allem die bunten Zeichentrickfiguren. Jugendliche und junge Erwachsene finden Spaß an den lustigen Geschichten um eine normale amerikanische Familie - wie auch in Sitcoms wie "Cosby Show", "Alf" oder "Eine schrecklich nette Familie". Und schließlich gibt es die Gruppe, die zudem die Anspielungen schätzt, Querverweise auf Politik Geschichte, Literatur, Film oder Kunst. Im Internet erstellen Fans Listen dieser Subtilen Scherze, diskutieren, ob dieser oder jener Satz von Bart Simpson nun als Anspielung zu verstehen ist oder nicht.

Verstümmelte deutsche Fassungen

In der deutschen Fassung ist die dritte Ebene zwar noch vorhanden, aber stark verstümmelt. Die Titel der einzelnen Episoden beispielsweise: "The Tell-Tale Head" wird zum Beispiel zu "Bart köpft Oberhaupt". Hieße sie "Der verräterische Kopf", wäre die Anspielung auf die Edgar-Allen-Poe-Geschichte mit ähnlichem Namen erhalten geblieben. Und hieße "Saturdays of Thunder" nicht "Das Seifenkistenrennen", sondern "Samstage des Donners", könnte der Film-Kenner die verbindung zum Tom-Cruise-Film herstellen. Ähnliches passiert mit den Dialogen selbst: In einer Episoden tritt Bart Simpson bei einem Minigolftunier an und soll seinem Schläger einen Namen geben. Im Deutschen schlägt homer "Marlene" vor. Dass die Szene den Stanley-Kubrick-Film "Full Metal Jacket" aufs Korn nimmt, bleibt verborgen. Im Original hieß der Putter "Charlene", ein Name, den ein Soldat in dem Anti-Kriegs-Film seinem Gewehr gibt. Dabei wäre es in diesen Beispielen ein Leichtes gewesen, die Anspielungen beizubehalten. Dass es dennoch nicht passiert, liegt zum einen an der Tendenz, kulturspezifische Eigenheiten auszubügeln, zum anderen daran, dass die Anspielungen im Originaldrehbuch, das bei der Übertragung durch mehrere Hände geht, oft nicht erkannt werden. Die wirkliche Schwierigkeit liegt jedoch im Übersetzen des Nicht-Übersetzbaren: Wortspiele zählen zu der Königsdisziplin beim Übertragen aus fremden Sprachen. Aber bei Komödien wie "Die nackte Kanone" oder "Robin Hood - Männer in Strumpfhosen" beweisen die Übersetzer, dass es mit Einfallsreichtum und Sprachwitz doch möglich ist, zumindest annähernd adäquate deutsche Versionen zu schaffen.

Untertitel werden kaum akzeptiert

Dass Kinogänger und Fernsehzuschauer trotz des Qualitätsverlustes deutsche Fassungen bevorzugen, liegt auch daran, dass sie keine Möglichkeit zum vergleich haben. Das wiederum liegt größtenteils an den Sehgewohnheiten. Im deutschen Sprachraum lohnt es sich, Filme zu synchronisieren. In den Niederlanden, Skandinavien und anderen Ländern mit wesentlich weniger Einwohnern dagegen nicht. Dort werden die Filme im Original mit Untertiteln gezeigt. In Deutschland werden untertitelte Filme kaum akzeptiert, laufen meist auf Spartensendern wie Arte und 3sat oder spät nachts. Aber auch wenn das Synchronisieren teurer ist als Untertiteln, billiger als Eigenproduktionen ist es allemal. Zwar akzeptieren die Zuschauer mäßig übersetzte Fassungen, aber ein weiterer Qualitätsverlust des Fernsehprogramms ist die Folge: Alles, was aus den USA kommt, wird eingekauft, ohne Blick auf die Übertragbarkeit schnell übersetzt, gesendet und oft gleich wieder abgesetzt. Oder erinnert sich noch jemand an die deutsche Version von MTVs "Beavis und Butthead" auf RTL 2?

ZUM AUTOR:
Thomas Büffel arbeitet als Redakteur in der Lokalredaktion Zweibrücken. Seine Magisterarbeit "In Cold Dub" an der Universität Saarbrücken befasst sich mit der "Synchronisation US-amerikanischer Filme und Fernsehserien unter besonderer Berücksichtigung der Übersetzung kultureller Eigenheiten in der Zeichentrickserie 'The Simpsons'".